Herman Koch „angerichtet“

„angerichtet“ beschreibt ein mehrgängiges Menue in einem Spitzenrestaurant – jeder Gang ein Kapitel.

Der Ich-Erzähler mokiert sich über den Maitre, der eine Vorspeise allen Ernstes als „von Rosmarin bekrönt“ bezeichnet und immer mit dem kleinen Finger auf die Speisen deutet, und er findet es unverschämt, dass der Aperitif des Hauses gar nicht „auf’s Haus geht“. Noch viel mehr fuchst ihn allerdings, dass sein Bruder, ein Politiker, diesen Tisch – auf den Normalsterbliche monatelang warten müssen – für den selben Tag hat reservieren können. Und wie selbstverständlich zu spät kommt.

Das Ganze klingt zunächst sehr nach einem Essen, zu dem man keine Lust hat, in einem Restaurant, in dem man sich nicht wohlfühlt, mit Menschen, die man eigentlich nicht sehen möchte, das man aber aus Gründen der Höflichkeit über sich ergehen lassen muss.

Bei mir hat das große Sympathien für den Erzähler geweckt!

Der Bruder mimt den Prominenten, der sich auffällig unauffällig unters Volk mischt und gleichwohl vom Besitzer des Restaurants hofiert wird. Seine Frau verbirgt ihre verweinten Augen hinter einer Sonnenbrille. Der Erzähler und seine Frau wirken dagegen erfrischend bodenständig.

Die beiden Paare treffen sich, um über ihre Kinder zu sprechen, was sie während des Essens jedoch tunlichst vermeiden. In kurzen Rückblicken wird mit jedem Gang ein bisschen klarer, dass ihrer beider Söhne gemeinsam ein Verbrechen begangen haben.
Die Eltern haben sich verabredet, um zu besprechen, wie sie hierauf reagieren wollen.

Die Söhne, beide im Teenageralter, kommen aus gutbürgerlichem Elternhaus, es scheint zunächst keinen Grund für ihre Tat zu geben und beider Zukunft stünde auf dem Spiel wenn man sie zur Verantwortung zöge. Es geht also um die Frage, ob, wie und in welchen Grenzen Eltern das Recht und die Pflicht haben, ihre Kinder zu schützen. Auch vor den Konsequenzen der eigenen Handlungen.

Ein heikles Thema, aber mich hat etwas anderes sehr beeindruckt: Je mehr der Erzähler über die Vorgeschichte preisgegeben hat, desto mehr gerieten meine anfänglichen Sympathien ins Wanken, desto unbehaglicher habe ich mich gefühlt. Ich hatte mehr und mehr den Eindruck, dass das Verbrechen eben nicht „aus heiterem Himmel“ kam, sondern sehr wohl in den wohlbehüteten Elternhäusern seinen Anfang nahm. Und in „angerichtet“ sind es gerade die bodenständigen, lebensnahen, pragmatischen Menschen, die letztlich den Wahnsinn auf die Spitze treiben.

Ich hab mich in die Irre führen lassen.
In der eigentlichen Frage, wie mit dem Verbrechen / den Tätern zu verfahren sei, bin ich keinen Moment ins Wanken geraten. Aber ich bin auf meine eigenen Vorurteile hereingefallen und hab „die Guten“ prompt an der falschen Stelle vermutet. Eine kleine Störung bei der behaglichen Einrichtung des eigenen Weltbildes sozusagen…

Den Schluss fand ich unbefriedigend, aber vermutlich kann man eine solche Geschichte nicht zu einem befriedigenden Ende bringen.

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Über Iris

Hofköchin, Hundefachfrau, Deko-Beauftragte, bekennender Schafsfan
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