Wolfgang Herrndorf „tschick“

„Als Erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee. Die Kaffeemaschine steht drüben auf dem Tisch, und das Blut ist in meinen Schuhen. Um ehrlich zu sein, es ist nicht nur Blut. Als der Ältere „vierzehn“ gesagt hat, hab ich mir in die Hose gepisst. Ich hab die ganze Zeit schräg auf dem Hocker gehangen und mich nicht gerührt. Mir war schwindlig. Ich hab versucht auszusehen, wie ich gedacht hab, dass Tschick wahrscheinlich aussieht, wenn einer „vierzehn“ zu ihm sagt, und dann hab ich mir vor Angst in die Hose gepisst. Maik Klingenberg, der Held.“

Maik Klingenberg ist vierzehn und ein absoluter Loser. Ein Feigling, der sich in die Hose pisst als ihm klar wird, dass man nicht erst mit fünfzehn strafmündig wird.

Dass die Beautyfarm, auf der seine Mutter ihre Ferien verbringt, eine Entzugsklinik ist, und sein Vater derweil mit seiner Assistentin eine Geschäftsreise unternimmt, nimmt er für selbstverständlich. Menschen, die keinen Spitznamen haben, findet er, sind entweder endlangweilig oder haben keine Freunde. Für sich selbst hält er beides für zutreffend. Folgerichtig lädt die Klassenschönheit, in die er heftig verliebt ist, ALLE zu ihrer Geburtstagsparty ein. Bis auf ihn und ein paar andere Verlierer.

Andrej Tschichatschow, genannt Tschick, kommt aus Russland, gibt sich extrem lässig und schreibt gute Noten wenn er nicht gerade besoffen ist. Tschick ist nicht eingeladen weil er ein „Assi“ ist.

Als Tschick mit einem geklauten Lada vorfährt um Maik zu einer Spritztour einzuladen, denkt dieser nicht daran, sich an diesem Unterfangen zu beteiligen. Und findet sich trotzdem kurz darauf im Lada wieder: Kurz um den Block, auf Stippvisite zur Geburtstagsparty und dann Richtung Walachei um dort Tschicks Familie zu besuchen.

Sonderlich weit entfernen die beiden sich nicht von Berlin, aber das ist auch gar nicht nötig, ihre Reiseerlebnisse sind auch so fremdartig genug. Absurd zum Teil, unglaubwürdig (vor allem was den schier unsterblichen Lada betrifft), aber von einer Eigendynamik und „Sozusagen – Folgerichtigkeit“, der man sich ganz schlecht entziehen kann. Und gar nicht entziehen möchte.

„Tschick“ ist mit den Abenteuern von Tom Sawyer und Huckleberry Finn verglichen worden. Mich hat es eher an „Thelma und Louise“ erinnert. Man weiß, das kann nicht weiter-, das kann nicht gutgehen, aber man hätte es gern! Und bleibt am Ende der Reise ein bisschen wehmütig zurück.

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Über Iris

Hofköchin, Hundefachfrau, Deko-Beauftragte, bekennender Schafsfan
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