Herbst auf Durantis

Natürlich bin ich schon mit einem Täschchen über die Alleen gezogen und habe – wahlweise zum Essen oder zum Männchen basteln – Kastanien gesammelt.
Darüber, wie das unter professionellen Bedingungen geschieht, habe ich nie nachgedacht … Nun: Auch nicht wesentlich anders, nur in großem Stile.

Baeume

Unter kleinen, weniger ertragreichen Bäumen wird „frei“ gesammelt:
Mit einer Art Kängurubeutel um den Bauch bewegt man sich – einer Ente nicht unähnlich – in der Hocke hangaufwärts, fegt die pieksigen Schalen mit der Hand beiseite und schöpft die Kastanien in den Beutel. Das klingt einfacher, als es ist: Für den Umgang mit den Schalen empfehlen sich dicke Handschuhe, mit denen man allerdings nicht vernünftig nach den Kastanien greifen kann. Nach einigen teils ineffizienten, teils schmerzhaften Versuchen entscheide ich mich, mit der linken, behandschuhten Hand die Schalen, und mit der rechten, nackten die Kastanien zu „verräumen“.

Ist der Beutel gefüllt, darf man kurz das schöne Gefühl des aufrechten Ganges genießen –  nachdem man sich unter Ächzen und Stöhnen erhoben hat. Wie eine Hochschwangere wankt man zur nächsten Transportkiste, um dort des Beutels Inneres nach außen zu kehren – geschickterweise auch das hangaufwärts, da sonst die Kastanien gerne über die Kiste hinweg und zurück in die Freiheit springen.

Oskar beweist uns an dieser Stelle, dass Hunde tatsächlich durch Nachahmung lernen: Dem Beispiel der Menschen folgend, beginnt er eifrig zu buddeln.
Dass die hierbei freigelegten Früchte zu verräumen sind, begreift er ebenfalls rasch. Mangels eigenen Kängurubeutels sammelt er sie allerdings in seinem Magen. Wir verzichten darauf, diesen in eine Kiste auszuleeren …
Oskar fände es noch viel praktischer, stattdessen den Inhalt der Kisten in seinen Magen zu leeren. Nachdem diese Idee keine Anhänger findet, verlegt er sich darauf, die Kisten zu bewachen, auf das niemand sie (oder seine brilliante Idee) klauen möge.

 Oskar_Kiste Oskar_2

Und natürlich führt er die „Bauaufsicht“: Anstatt sich wie die Patous in den Farn einzubuddeln und dort Nickerchen zu machen, hat er stets seine Kastaniensammler im Auge und gibt acht, dass alle beisammen bleiben.
Nebenbei entwickelt er noch ganz eigene Sammeltechniken: Mit einiger Verblüffung beobachte ich, wie mein Hund die begehrten Kastanien ganz vorsichtig und spitzlippig gleich aus ihren wehrhaften Schalen frisst …

Die Alternative zum freien Sammeln sind Netze, die unter den Kastanien ausgelegt werden.

Schalen

Ist der Baum „fertig“, wird alles, was er abgeworfen hat, mit Hilfe der Netze zum Fuß des Hanges transportiert.

 Netz_einholen   Netz_Zopf_fliegt

Nun werden Schalen (dicke Handschuhe) und Blätter (nackte Hände) abgeschöpft und weggetragen, bis nur noch Kastanien im Netz verbleiben, die dann wieder in die Transportkisten geschüttet werden.

 Netz_schalen_Julian   Netz_Blaetter_raus

Was sich sehr viel schneller beschreibt, als es tatsächlich erledigt ist …

Kastanien_abfuellen

So oder so ist das Sammeln harte Arbeit.
Ich bin mir lange unschlüssig, was schlimmer ist: Entengang mit Kängurubeutel oder im Netz hocken und am Ende Hilfe beim Aufstehen brauchen? Und was tut weher? Rücken oder Beine?

Schalen_entsorgen
Meine Fingerspitzen, die trotz der Handschuhe Ähnlichkeit mit Kakteen haben, lerne ich zu ignorieren: Wenn man erst einmal anfängt, die Stacheln herauszupulen, entdeckt man immer nur noch mehr davon …

Mit dem Wetter haben wir Glück: Meist ist es halbwegs trocken, manchmal sogar sonnig.
Und auch das Sammeln bei Regen erweist sich als angenehmer, als befürchtet: Regenjacke, -hose und (mein bestes Stück!) –hut, tun was sie sollen und ich bin auch nach Stunden noch trocken.
Darüber, wie es sich anfühlt, die diversen nassen und trockenen Kleiderschichten von sich runter und vor allem wieder draufzupellen, weil man zum Beispiel die lustige Idee hatte, zwischendurch mal austreten zu wollen, will ich indes lieber schweigen …

Trotzdem macht es Spaß.

Netz_Endspurt

Ich lerne, dass es unzählige Kastaniensorten gibt, die vom Menschen je nach seinem Bedarf weiter vermehrt wurden. Dabei staune ich schon über die Erkenntnis, dass wir drei verschiedene Sorten (Figarette, Pellegrine und Dauphine nämlich) sammeln, die man – gaaanz genaues Hinsehen vorausgesetzt – sogar voneinander unterscheiden kann.

Wir sitzen gemeinsam im Netz oder watscheln in einer Reihe den Hang hoch und haben jede Menge Gelegenheit, Dönekes zu erzählen, die Pfeif- und Sangeskünste anderer Sammler zu begutachten, wilde Diskussionen zu führen und gelegentlich – wenn jemand gar zu frech wird – Kastanienzielwerfen zu üben.

Sammeln_1

Gleichwohl bin ich oft dankbar für das „Köchinnen-Privileg“, mich vor den Mahlzeiten in die Küche absentieren zu dürfen um dort warm, trocken und in aufrechter Haltung, vergleichsweise luxuriös also, weiterzuarbeiten.

Auf Durantis wird gemeinsam gearbeitet und gemeinsam gegessen – ich koche also zwei mal täglich für fünf bis acht Leute, bemühe mich redlich, aus Resten vom Abendessen neue, leckere Mittagessen zu zaubern, improvisiere was das Zeug hält und habe einen Riesenspaß dabei.

Hierbei entsteht unter anderem das Rezept für Reisbällchen:

Reste von Risotto
Weißbrotwürfel
Pinienkerne
Paniermehl

Unter das Risotto so viele Weißbrotwürfel mischen, dass alle Flüssigkeit aufgesogen wird. Einen Moment ruhen lassen. Pinienkerne unterkneten.
Bällchen formen, panieren und in reichlich Öl ausbacken.
Lecker!

Die Arbeitskräfte auf Durantis sind Volontäre (http://www.ecolieu.durantis.eu/Ecovolontariat/ecovolontariat.html), Menschen, die gegen Kost und Logis für einige Wochen oder Monate dort leben und arbeiten. Alter, Hintergrund und Motivation dieser Menschen können ganz unterschiedlich sein – was manchmal anstrengend sein mag, aber immer auch spannend.

Diesmal sind die Volontäre nicht einmal halb so alt wie ich und müssen sich sicher oft langweilen, wenn sie großzügig mit „Altersweisheiten“ und alten Geschichten bedacht werden. Sie ertragen es mit Fassung – wenn man von gelegentlichen freundlichen Nachfragen wie der, ob Ray Bradbury (geboren 1920!) eigentlich unsere Generation sei, einmal absieht …

Meine anfängliche Skepsis, ob es denn überhaupt etwas für mich wäre, mit fremden Menschen doch recht eng zusammenzuleben, schwindet schnell: Das gemeinsame Tun verbindet, man kommt einander en passant näher. Und entdeckt die Stärken und Talente der anderen: Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass man tatsächlich zwei Chapatis gleichzeitig im Flug wenden kann?

Gut eine Woche später merke ich Beine und Rücken nicht mehr, habe Schwielen an den Händen und sammele unterdessen mit dünnen Handschuhen und beidhändig. Mittlerweile fülle ich eine 15-Kilogramm-Kiste in einer Stunde. Willkommen im Landarbeiter-Leben!

Oskar hat autodidaktisch seinen Traktorenbegleithund gemacht:
Sowie der Motor angeht, ist er zur Stelle, um den Bauern auf dessen Weg zu begleiten. Zu meiner Überraschung hält er sich fein hinter dem Traktor und gibt sich überhaupt höchst verständig. Hält der Traktor an, setzt er sich an den Rand des Weges und überwacht das weitere Geschehen.

Traktor

Seine Bemühungen, Victor, den Chef der Patous, bei dessen Arbeit zu unterstützen, bedürfen indes noch einigen Feinschliffes: Ähnlich wie Victors pubertierende Söhne bellt er zwar wacker mit, wenn dieser Gefahr meldet, weiß aber auch nicht besser als das junge Gemüse, was denn nun eigentlich zu tun wäre.

Mit großem Engagement hält er – zumindest vermeintlich und zum Befremden aller Patous – das Grautier des Grauens in Schach. Eselin Sidonie kennt er zwar schon, findet sie aber nicht auf ihrer gewohnten Weide, sondern für seinen Geschmack viel zu nah bei den ihm anvertrauten Kastaniensammlern vor. Sidonie ihrerseits zeigt Nerven und betrachtet den kläffenden Städter mit Gleichmut.

Die Vielzahl seiner höchst verantwortungsvollen Tätigkeiten verhilft meinem Hund – ganz ohne geistige Beschäftigung und lange Spaziergänge – zu einem gesegneten Nachtschlaf.
Mich streckt mein Landarbeiterleben ebenso zuverlässig nieder: Trotz kampferprobtem Nachteulentumes kippe ich regelmäßig kurz nach dem Abendessen in mein Bett.

Wenn man so will, ist dieser herbstliche Besuch auf Durantis ein wenig „entzaubert“: Ich bin etwas weniger alte Freundin „auf Besuch“ und etwas mehr Arbeitskraft.
Mein (nachts bevorzugter) Weg durchs Schlafzimmerfenster, über die Wiese zum Trockenklo lässt mich bei Starkregen viel weniger für ländliche Rustikalität schwärmen, als das in lauen Sommernächten der Fall war.
Die Wertschätzung alltäglicher Dinge wie zum Beispiel heißer Duschen dagegen steigt merklich, wenn man vorher einen halben Tag lang den Holzofen beschickt hat.
Wenn der große Küchenofen eingeheizt wird, kann man darauf kochen, was spannend ist. Wird aber, bei knapp 30 Grad in der Küche, selber gleich mitgekocht.
Bei Gewitter fällt regelmäßig der Strom aus.
Komfort: Fehlanzeige.

Oder könnte entzaubert sein …
Wenn aber der Nebel aufreißt, oder sich einfach mal ein paar Sonnenstrahlen durch den Regen stehlen, scheint das Tal zu glühen. Der silbrige Schiefer, aus dem der Hof gebaut ist, strahlt dann ganz frisch gewaschen in der Sonne, und von besagtem Trockenklo aus sieht man bis zum Mont Aigoual.
Nass und verfroren vom Sammeln kommend, scheinen 30 Grad eine vollkommen angemessene Raumtemperatur zu sein: Wenn man sich direkt vor den sengend heißen Ofen stellt, hat man erst so richtig was davon! Und kann gleichzeitig in die Kochtöpfe spingsen …
Sind diese geleert (obwohl ich als Köchin durchaus meinen Ehrgeiz darein gesetzt habe, genau das zu verhindern: Wenn alles aufgegessen wurde, ist womöglich noch jemand hungrig …), breitet sich endgültig eine wohlige Zufriedenheit aus, die weit über körperliche Erschöpfung und einen vollen Bauch hinausgeht. Für mich ist es das Gefühl, wenn auch nur für kurze Zeit, Teil von etwas Schönem und Bewahrenswertem zu sein.

Eine ganz eigene Art von Zauber, die mich ein weiteres Mal gefangen nimmt.

Kastanien_1

Fotos: Bernd Ackermann

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Über Iris

Hofköchin, Hundefachfrau, Deko-Beauftragte, bekennender Schafsfan
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Eine Antwort zu Herbst auf Durantis

  1. Bea Wiedersheim schreibt:

    So schön geschrieben, da möchte man gleich Koffer packen und selber hinfahren… Danke für diesen tollen Bericht!

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