Training mit Igor

Bei meinem Sparringspartner Igor handelt es sich um einen Patou (Pyrenäenberghund), der vor gut anderthalb Jahren auf einem Bio-Bauernhof in den südfranzösischen Cevennen geboren wurde. Er lebt hier mit seinen Eltern Victor und Freya, seinem Bruder Ice und einem Hütehundmix namens Brian.
Die Patous werden eingesetzt, um Grundstücke zu bewachen und vor allem Wildschweine und streunende Hunde fernzuhalten. Sie werden daher nicht im Haus, sondern draußen gehalten, selbständiges Agieren ist durchaus erwünscht und starke Orientierung am Menschen eher hinderlich.
Ice und Igor hätten – wie alle bisherigen Welpen – an andere Bauern oder Liebhaber der Rasse abgegeben werden sollen, es haben sich jedoch in ihrem Falle keine seriösen Interessenten gefunden, weswegen die beiden auf dem Hof verblieben.
Hier hätten sie nun an ihre spätere Arbeit herangeführt und vor allem auf die anderen Tiere des Hofes sozialisiert werden müssen (Herdenschutzhunde werden traditionell als Welpen von anderen Hunden getrennt und wachsen stattdessen unter den Schafen auf, die sie später beschützen sollen).
Aufgrund einiger sehr unglücklicher Umstände blieben die beiden stattdessen weitgehend sich selbst überlassen.
Man hoffte, ihre Eltern würden ihre Erziehung übernehmen, was zunächst auch der Fall zu sein schien.
Victor ist ein außerordentlich gelassener und souveräner, sehr beeindruckender Rüde, der seinen Söhnen ein großartiges Beispiel geboten hat bis er im letzen Herbst schwer erkrankt ist. Von der nötigen OP hat er sich bis heute nicht wirklich erholt: Er ist alt geworden und sein Interesse, Dinge zu „regeln“ hat merklich nachgelassen.
Freya ist die sanftmütigste Hündin, die ich je kennengelernt habe: Sie macht unter anderem einen prima Job als Therapiehündin für furchtsame Touristenkinder. Sie ist außerordentlich wachsam, weiß aber leider weit weniger als Victor zu unterscheiden, was tatsächlich wichtig ist, also in welchen Fällen bellend losstürmen sich auch wirklich lohnt.
Den beiden Junghunden mangelte es an Anleitung, aber auch an einem eigenen Tätigkeitsbereich und es kam, was kommen musste:
Beim Fernhalten fremder Hunde sind sie weit über das Ziel hinausgeschossen – man stelle sich zwei Halbstarke vor, die plötzlich einen Dritten vorfinden, den sie terrorisieren können …
Aus schierer Langeweile und Übermut haben sie die anderen Tiere auf dem Hof in ihre Jagdspiele einbezogen, was die Ponies weitgehend unbeeindruckt ließ, unter den Schafen und Ziegen aber für ein Übermaß an Aufregung sorgte.
Statt ihrem Besitzer Arbeit abzunehmen, machten sie ihm nichts als Ärger.
Als der Mensch begann, Hunde auf bestimmte Merkmale hin zu selektieren, war es Gang und Gäbe, „untaugliche“ Hunde kurzerhand zu töten. Hier auf dem Land kann das Hetzen von Weidetieren noch heute für jeden Hund das Todesurteil bedeuten.
Ihr Verhalten Menschen gegenüber war – von altersbedingter Rüpeligkeit und ausgeprägter Grobmotorik einmal abgesehen – immer vollkommen unproblematisch. Allerdings sind den Sommer über Feriengäste auf dem Hof, die diese Einschätzung schwerlich geteilt hätten. Die überschwänglichen Avancen eines begeisterten Jungpatous sind nicht jedermanns Sache und vor allem Kindern ganz sicher nicht zuzumuten.

Beide Hunde sind daher seit Anfang des Jahres in der Vermittlung. So wie gefühlt Tausende anderer Herdenschutzhunde auch. Es ist zynisch, aber die Tatsache, dass sie nicht in einer Tötungsstation dahinvegetieren, nicht von der Einschläferung bedroht sind, sondern so gut wie nur möglich verwahrt werden, scheint ihre Vermittlung nur schwieriger zu machen.
Die Überlegung, sie an ein Tierheim abzugeben, haben wir verworfen: Ein Dasein an der Kette, aber in vertrauter Umgebung (sprich: Mitten auf dem Hof, im Zentrum des Geschehens), mit ständigem Kontakt zu den anderen Hunden und regelmäßigem Freilauf schien uns nicht schlimmer, als ein Leben im Tierheimzwinger.
Ein großes Gehege, das ihnen mehr Bewegungsfreiheit bietet, ist noch im Bau.

Soweit es möglich ist, darf jeweils einer der beiden Bauer Bernd zur Arbeit begleiten.
In Falle von Igors Bruder Ice ist das ohne Probleme möglich: Er ist entzückt, dass er mitdarf und möchte unbedingt gefallen. Er tobt und springt herum und wenn er damit fertig ist, tut er, was Patous zu tun pflegen: Er legt sich hin und wartet, bis es weitergeht.
Igor dagegen sucht die Konfrontation: Mit seinem Bruder, seinem Vater und eben auch mit dem Menschen, den er begleitet. Er rennt ebenso los wie sein Bruder, testet dann aber aus, wie viel Anlauf er wohl braucht, um Bernd von den Füßen zu holen.
Weswegen er seltener bis gar nicht mitgenommen wird und umso unausgelasteter ist.

Und hier komme ich ins Spiel …

 

Ich bin durchaus keine Freundin der Methode, übergriffiges und grobes Verhalten eines Hundes mit ebensolcher Grobheit zu beantworten, sondern habe im Gegenteil immer argumentiert, der Hund müsse dann ja erst recht glauben, das sei die Art, wie Menschen und Hunde miteinander umgingen.

Einige Bodychecks Patou Style später, sehe ich die Sache in einem geringfügig anderen Licht. An der Leine springt Igor wie ein Gummiball auf und ab, rempelt mich ohne große Anstrengung in Schulterhöhe und versetzt mir schmerzhafte Tatzenhiebe. Unangeleint nimmt er zu diesem Behufe auch noch Anlauf, was es schwierig macht, überhaupt auf den Beinen zu bleiben. Ich ziehe das Knie an (wohlgemerkt ohne dabei nach ihm zu treten!) um ihn wenigstens ein bisschen auf Distanz zu halten, rempele aber auch meinerseits ein paar mal aktiv, was ihn zumindest kurzfristig beeindruckt.
Eigentlich kommuniziert Igor sehr viel feiner und lässt sich auch mit einem finsteren Blick in die Schranken weisen. Jetzt ist er jedoch so überdreht, dass er feine Signale überhaupt nicht wahrnimmt.
Unsere ersten gemeinsamen Gehversuche ähneln so eher Ringkämpfen als Spaziergängen.

Grundsätzlich, denke ich, schadet es einem Hund nicht, seinen Menschen auch einmal wütend (sprich: aggressiv) zu erleben. Es ist ein Unterschied – und ich bin mir sicher, dass die Hunde diesen erkennen – ob ich kühlen Gemütes grob körperlich mit einem Hund umgehe, weil ich das für eine adäquate Erziehungsmethode halte, oder ob ich, wenn meine Grenzen verletzt werden, ganz authentisch sauer reagiere. Wohl fühle ich mich bei meinem Tun trotzdem nicht: Ich mag mich nicht, wenn ich so mit einem Tier umgehe.

Ich versuche also, Igors Verhalten umzulenken.
Im ersten Anlauf werfe ich Futterbröckchen, das Signal „cherche!“ hat er von mir ja schon einige Male gehört. Wenn es mir gelingt, ihn „abzuholen“, bevor er wieder im Zielanflug ist und den Keks so an seiner Nase vorbeiziehe, dass er ihn auch fliegen sieht, klappt das recht gut. Also „keksen“ wir uns über die ersten Meter.

Erste Versuche mit einem Ball sind bedingt erfolgreich: Er setzt ihm mit gigantischen Mäuselsprüngen nach, lässt ihn dann aber liegen. Den Ball selbst aufzuheben, ist nicht ohne Risiko: Egal ob Rempler oder begeisterter Versuch, mit mir gemeinsam doch noch einmal nach dem schönen Spielzeug zu haschen – es tut weh. Also: Ball werfen – Keks werfen – Ball aufheben …
Kurz darauf versenken wir den Ball in einem Wildblumenbeet – den können wir suchen, wenn die Schafe mit „mähen“ fertig sind …

An das Signal „assis!“ erinnert er sich ebenfalls, ich beginne also, ihm das Sitzen als Alternativverhalten zum Anspringen anzubieten. Anfangs muss ich ihm eine Handvoll Futterbrocken unmittelbar vor die Nase halten, um ihn zu erreichen. Nach ein paar Versuchen klappt es aber sogar dann, wenn er in vollem Lauf auf mich zugebrettert kommt.
Weniger erfreulich ist, dass er mir das Sitzen jetzt seinerseits fast ununterbrochen anbietet und ich keinen Fuß mehr vor den anderen setzen kann. Bleibt die erhoffte Belohnung aus, fängt er außerdem wieder an, mich anzuspringen. Ich werfe also wieder Kekse.

Ich finde einen weiteren Ball und stelle überrascht fest, dass er diesen jetzt apportiert!
Oder ihn zumindest in meine Richtung trägt. Damit er ihn wieder rausrückt, kommt ein weiteres Mal die Methode „Keks vor Nase“ zur Anwendung. Bin ich mit dem erneuten Werfen des Balles zu langsam, fängt er allerdings wieder an zu springen. Ich halte die Hand mit dem Ball bewusst unten, um ihn nicht noch mehr zu provozieren und habe prompt das Problem, dass er in meine Hand beißt. Obwohl es wehtut, ignoriere ich sein Benehmen und werfe erst, wenn er von mir ablässt. Und siehe da: Nach drei, vier Versuchen bietet er „sitzen“ an!

 

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Hundetraining auf Durantis ist nicht so wirklich unkompliziert: Kaum macht man sich verdächtig, etwas Interessantes zu unternehmen, kommen alle Hunde mit.

Brian, der allem, was fliegt zwanghaft hinterher rennt, kann ich beim Apportiertraining überhaupt nicht brauchen. Und obwohl er sonst absolut verträglich ist, stellt er sich Igor immer wieder knurrend und fletschend in den Weg. Der gibt sich ganz kindlich, macht Spielangebote oder wirft sich gleich ganz auf den Rücken, was Brian aber keineswegs milder stimmt.
Victor und Freya beobachten eher, ihre Anwesenheit hemmt Igor jedoch. Dass er nicht wagt, mich vor Victors Augen anzuspringen, weiß ich durchaus zu schätzen, er traut sich aber auch nicht zu mir, um Futter zu nehmen.
Bevor ich also beginne, sollte ich schlauerweise alle Hunde anketten oder wegsperren – wenn sie denn die Freundlichkeit besäßen, zu diesem Zwecke bereit zu stehen.

Als ich mit Igor losgehe, ist weit und breit kein anderer Hund zu sehen. Sowie ich aber ein Stück vom Hof entfernt bin, „materialisieren“ sich Freya und Victor. Anders kann man es nicht beschreiben: Vor allem Victor läuft einem nicht nach – er erscheint wie aus dem Nichts.
Als ich mit Igor apportieren will, stellt Victor sich quer vor ihn, genau über den Ball. Ein Lehrbuchbeispiel für die T-Stellung, aber auch ohne Kenntnisse der Kommunikation unter Hunden nicht mißzuverstehen: „Keinen Schritt weiter! Diesen Ball bekommst Du nicht!“.
Anders als Brian gegenüber nimmt Igor die Herausforderung an: Er wird stocksteif, Kopf und Rute sind hoch erhoben. Die ganze Situation wirkt enorm angespannt.
Da ich eine Beißerei unbedingt vermeiden möchte, versuche ich, Igor dort herauszurufen und bin zunächst entzückt, dass dies tatsächlich gelingt. Sekundenbruchteile später muss ich allerdings feststellen, dass er seinen Frust stattdessen jetzt an mir abarbeitet.
In solchen Momenten wünscht man sich eine Lederkombi …

Ich leine Igor an den nächstbesten Baum, locke die anderen Hunde zurück zum Hof und kette sie dort an.
Zurück zu Igor: Tief Luft holen, lächeln und einfach noch einmal ganz von vorn anfangen …

Die Auszeit scheint ihm gut getan zu haben.
Er ist freundlich, aufmerksam und gibt sich die allergrößte Mühe. Das Apportieren klappt jetzt zuverlässig – er hebt den Ball sogar von sich aus noch einmal auf wenn er ihm herunterfällt und gibt ihn mir dann in die Hand. Landet der Ball im Gebüsch (ich bin keine begnadete Werferin), gehen wir gemeinsam auf die Suche, ohne dass er mich bedrängt.
Trotz einiger Schrammen und blauer Flecke bin ich außerordentlich zufrieden mit dem Ergebnis unserer Bemühungen.

 

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Herdenschutzhunde, habe ich gelernt, schätzen ausgedehnte Trainingssequenzen mit zahlreichen Wiederholungen nicht – ihnen bietet man besser wenige, aber komplexe Aufgaben an. Blöderweise habe ich seinerzeit versäumt, zu erfragen, was man ihnen anbietet bis sie soweit sind, besagte komplexe Aufgaben auch lösen zu können …

Mein erster Versuch mit dem Preydummy geht beinahe in die Hose: Ich werfe Ball, Ball, Ball, Preydummy … und Igor ist nicht blöd – DAS kann man essen und prompt versucht er, sich damit davonzumachen. Immerhin gelingt es mir, ihm den Dummy ohne Stress wieder abzutauschen …

Parallel baue ich Pylone für ihn auf, unter denen sich Futter verbirgt. Der Erfolg hält sich jedoch in Grenzen: Er riecht zwar offensichtlich das Futter, sieht aber keinerlei Veranlassung, sich deswegen mit dem komischen Plastikkegel zu befassen.

 

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Allmählich bekomme ich den Eindruck, dass Igor neue Aufgaben erst einmal überschlafen muss: Als ich einen Tag später erneut den Preydummy werfe, apportiert er ihn als hätte er nie etwas anderes getan. Ich setze noch einen drauf und lasse ihn sitzen und bleiben während ich den Dummy einige Schritte entfernt auf den Boden lege. Das fällt noch schwer: Da der Reiz des Werfens fehlt, mag Igor sich nicht recht in Bewegung setzen.

 

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Nur einen weiteren Tag später verstecke ich den Dummy unter dem Pylon …. Und Freund Igor marschiert mit der allergrößten Selbstverständlichkeit los, schubst den Pylon um und apportiert! Ich könnte platzen vor Stolz!

 

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Nach knapp zwei Wochen Training ist Igor insgesamt sehr viel gelassener und auch Frequenz und Intensität unserer „Ringkämpfe“ haben sich stark verringert: Wenn wir jetzt losgehen hat er Eile, unseren Trainingsplatz zu erreichen und verschwendet meist keine Zeit mit Rüpeleien.

 

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To be continued …

 

Fotos: Bernd Ackermann

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Über Iris

Hofköchin, Hundefachfrau, Deko-Beauftragte, bekennender Schafsfan
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4 Antworten zu Training mit Igor

  1. Bea Wiedersheim schreibt:

    Wunderbare Charakterstudie: der Patou, wie man ihn nicht besser beschreiben könnte. Ich habe seit 1995 Pyrenäenberghunde und liebe sie genau deshalb, weil sie so sind wie sie sind ❤ Danke für den tollen Bericht!

  2. Rosina Kersken schreibt:

    Spannend und gut nachvollziehbar geschrieben. Vielen Dank für den interessant
    Ten und lehrreichen Bericht. Liebe Grüe aus der alten Heimat 😉

  3. Pingback: Welcome, Major! – Durantis en blogue

  4. Pingback: Oskar und Major – Durantis en blogue

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