Igor lernt lernen

Igor verfügt über eine Frustrationstoleranz von ziemlich genau null.

Wenn am Morgen sein Bruder vor ihm frei laufen durfte, oder – schlimmer noch! – Oskar mit mir unterwegs war (und sei es nur, um den Schafstall aufzusperren), tobt und schreit er an seiner Kette. Und ich darf mich auf einen turbulenten Trainingsbeginn freuen.
Abgesehen davon, dass ich mich schlicht nicht an jedem Morgen als allererstes um ihn kümmern kann, möchte ich diese Erwartungshaltung auch gar nicht weiter schüren, sondern lasse ihn auch einmal warten, bemühe mich um Gleichmut und beiße ggf. die Zähne zusammen.

Bei der nächsten Gelegenheit verlasse ich mich dummerweise darauf, dass Victor, der sich wegen der Hitze in den Kellereingang zurückgezogen hat, zu träge sein wird, uns zu folgen. Weit gefehlt, leider.
Ausgerechnet als Igor den Futterbeutel soeben aufgenommen hat, sieht er sich plötzlich seinem Vater gegenüber und wird stocksteif. Die letzte Auseinandersetzung bei der abendlichen Fütterung hat Victor nur knapp für sich entschieden und ich habe keinerlei Neigung, die beiden jetzt einen weiteren Beutestreit austragen zu lassen. Ich zwitschere und jubiliere also in den höchsten Tönen bis Igor den Futterbeutel zu mir bringt, belohne ihn fürstlich, leine ihn dann an und verlasse die Situation so schnell wie möglich. Während der ersten Meter ist er noch ganz mit Victor beschäftigt und schaut sich ständig um, aber sowie wir um die erste Kurve gebogen sind, lässt er seinen Unmut an mir aus. Und das weit heftiger als beim letzten Mal.
Nicht, dass er mich ernsthaft angehen würde, aber seine Krallen verursachen bei jedem Tatzenhieb blutige Schrammen und ich bin nicht in der Lage, mich seiner zu erwehren. Ich kann sein Verhalten nicht so nachhaltig unterbrechen, dass er länger als einen Sekundenbruchteil beeindruckt wäre – danach macht er einfach ungehemmt weiter.

Schließlich packe ich ihn am Schlafittchen, schleife ihn im Laufschritt zu seinem Platz und kette ihn dort kommentarlos an. Zurück im Haus wasche ich mir das Blut von den Armen und weine ein bisschen vor mich hin. Weil es wehtut, weil ich so die Fassung verloren habe und weil es zu allem Überfluss auch noch meine eigene Dusseligkeit war, die mir das eingebrockt hat.

Und weil es so gar nichts bringt, eine Auszeit nicht auch wieder aufzulösen, „bewaffne“ ich mich gleich anschließend wieder mit Schleppleine und Preydummy, setze diesmal alle anderen Hunde fest, hole zum wiederholten Male tief Luft und begrüße entspannt und freundlich meinen Trainingspartner Igor.
Wir arbeiten nur ein paar Minuten lang (diese paar Minuten aber ruhig und konzentriert) und beginnen mit der Übung, unangeleint sitzen zu bleiben, während ich ein paar Schritte von ihm weggehe und den Preydummy auf den Boden lege.

***

Einen Tag später erwache ich mit einer heftigen Migräne.
An solchen Tagen rächt es sich bitter, dass die Toiletten und Bäder hier nicht in die Wohnhäuser eingebaut, sondern der Tradition folgend in Nebengebäuden untergebracht sind.
Nicht nur, dass ich von meinem Krankenlager aus (gefühlt) weit laufen muss – ich muss auf meinem Weg auch noch an Igor vorbei.
Sonst ist er nur erwartungsfroh und voller Überschwang, was anstrengend genug ist, wenn man nur schnell mal Pipi machen will.
Als ich mich jetzt im Zeitlupentempo und eher tastend (ich kann das Sonnenlicht nicht ertragen und halte mir deswegen die Augen zu) nähere, stellt er sich mir in den Weg und verbellt mich. Allein das Getöse ist unerträglich!
Ich ziehe mich geschlagen zurück.

Muss man sich einem solchen Hund einfach immer selbstbewusst und aus einer Position der Stärke (um nicht zu sagen: Dominanz!) heraus nähern? Ich glaube nicht.
Wenn ich mir meinen eher übersensiblen Oskar so ansehe, so hat dieser von klein auf ein großes Repertoire erlernt: Neue Eindrücke, höchst merkwürdige menschliche Verhaltensweisen, beunruhigende Situationen, selbst Schrecksekunden … Und unzählige Möglichkeiten, hierauf zu reagieren. Stets mit seinem menschlichen „Netz und doppeltem Boden“. Oskar kennt mich gut: An „Migränetagen“ liegt er still bei mir, da tatzt keine Pfote und schiebt sich keine vorwitzige Nase in mein Bett, er wartet einfach ab bis ich wieder unter den Lebenden weile.
Igor dagegen hat kein „Repertoire“. Er erkennt nur, dass etwas nicht in Ordnung ist und reagiert auf die einzige Art und Weise, die er kennt: Alarm!
Notiz an mich selber: Igor ein Repertoire zur Verfügung stellen …

***

Zum nächsten Training trete ich trotz hochsommerlicher Temperaturen im langärmeligen Sweatshirt an. Ich stelle meinen Fuß so auf die Leine, dass Igor bequem stehen, aber nicht an mir hochspringen kann (da ich nur wenig mehr wiege als er, liest sich das weit einfacher, als es tatsächlich ist …) und atme tief durch. „Solange Du springst, geht das hier keinen Schritt voran.“ Wir erreichen unseren Trainingsplatz und ich skandiere Mantra Nr. 2 „Hier passiert gar nichts, solange Du nicht sitzt“ und Nr. 3 „Ich werfe gar nichts, wenn Du meine Unterarme zerkratzt“ sowie Nr. 4 „Es nutzt nichts, mir in die Hände zu beißen“.

Vielleicht tue ich das in erster Linie mir selbst zuliebe.
Ich arbeite mit einem widerspenstigen Hund und sorge dafür, dass ich mich gut dabei fühle.
Ich ziehe nicht in den Kampf, sondern beginne eine Trainingseinheit.
Wenn es mir gelingt, Haltung zu wahren, schafft er es auch …
Tatsächlich reagiert Igor im Training sehr viel ruhiger, wenn ich aufgeregtes Verhalten nicht zu unterdrücken versuche, sondern meinerseits einfach sehr sehr ruhig und gelassen bin.

Ansonsten werfe ich diverse Trainergewohnheiten über Bord.
Die Erkenntnis, wie viele Wiederholungen ein Kommando braucht, bis es wirklich sitzt und wie ausgiebig man es deswegen üben muss, bleibt zwar auch in Anwesenheit eines Patous richtig, lässt sich auf diesen jedoch nicht unmittelbar anwenden. Dass man immer vom Einfachen zum Schwierigen hin trainiert und alle Übungen kleinschrittig aufbaut, bleibt richtig. Aber ich glaube einfach, dass Igor sich zu langweilen beginnt, lange bevor Routine aufkommt …

„Grundgehorsam“ à la Patou
„Sitz“ kann er, da bin ich sicher. „Sitz“ ist seine Generalantwort auf jede Lebenslage (sofern er sich nicht gleich hinlegt).
„Bleib“ kommt dem Patou grundsätzlich entgegen – warum sich mehr bewegen, als unbedingt notwendig? – ist in Igors Fall aber keineswegs verstanden.
Er „bleibt“, solange ich mich rückwärts von ihm wegbewege – umdrehen darf ich mich nicht. Dafür darf ich aber dann schon den Preydummy ein kleines Stück werfen.

Insgesamt scheint Igor die „bleib“–Nummer (sofern er sich nicht selbst dafür entschieden hat) tief zu verabscheuen.
Er will alles sofort und wenn es nicht schnell genug geht, springt er und schlägt mit seinen Tatzen. Ich bin zwar finster entschlossen, das wieder und immer wieder zu üben, denke mir aber auch Gimmicks aus, um ihn bei Laune zu halten.

Bei einer der nächsten Gelegenheiten verstecke ich den Dummy unter einem der Pylone, bevor ich Igor hole. Er läuft zu den Pylonen, weil er ja schon weiß, dass manchmal etwas darunter steckt, kippt sie dann aber nicht wahllos um, sondern setzt tatsächlich erst einmal seine Nase ein.
Dann fällt mir unser Dummy auf dem Weg zum Trainingsplatz versehentlich herunter und ich führe ihn an der Leine weiter. Igor ist fassungslos: „Du hast da was verloren!“ …
Richtig Spaß habe ich, als ich den Dummy vor dem Training in der Astgabel eines Baumes verstecke. Igor ist an diesem Tag völlig überdreht, schlägt fast ein Rad vor Aufregung und ich brauche lange, bis ich ihn überhaupt erreiche. Dann aber kann man regelrecht sehen, wie Nase und Hirn sich einschalten: Er beginnt, den Boden abzusuchen, pendelt hin und her. „Ich riech doch was, hier muss doch irgendwo was sein …“.

***

Wir haben gute und schlechte Tage. Irgendwann erwische ich mich dabei, dass ich doch in kurzen Hosen und T-Shirt zu Igor gehe. Und irgendwann später lässt sich die Auswahl meiner Garderobe nicht mehr unmittelbar an meinen Kratzern und blauen Flecken ablesen.

Ich bin völlig fasziniert, als Igor zu „verstehen“ beginnt …
Wir haben lange geübt, dass er einen geworfenen Gegenstand apportieren möge.
Als er zum ersten Mal in seinem Leben einen Futterball bekommt, weiß er nicht gleich etwas damit anzufangen und trägt ihn dann zu mir!

Er beginnt ganz offensichtlich, Gelerntes in das nächste Training zu übertragen.
Am Vortag habe ich „Leckerbäume“ gebaut: Die Rinde hierzu geeigneter Bäume mit einzelnen Futterbrocken bestückt, so dass ein Hund sich wie ein Bär an dem betreffenden Baum aufrichten muss, um alle „abzuweiden“.

Diesmal habe ich mehrere Futterbeutel versteckt.
Ich schicke Igor mit Handzeichen auf die Suche und er steuert prompt den nächsten Baum an und untersucht zunächst diesen auf Beute …

Wenige Tage später schaltet seine Nase sich ganz offensichtlich von selber ein und ortet selbst solche Dummies, die ich von unserem Weg weg geworfen habe.

***

Unsere Starts sind immer noch turbulent, aber ich sehe jetzt einen anderen Hund: Dieser tollpatschige Riese macht sich ganz klein, ist mit gesenktem Hinterteil und eifrig nach unten wedelnder Rute unterwegs und hopst herum wie ein Märzhase. Als wir einen Spaziergang zu dem Grundstück machen, auf dem derzeit Kastanien gesammelt werden und ich ihn unangeleint einfach mit mir laufen lasse, bemerkt niemand, dass es sich bei diesem großen weißen Hund nicht um seine sanftmütige Mutter handelt.

Ich bin außerordentlich stolz auf ihn!

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Über Iris

Hofköchin, Hundefachfrau, Deko-Beauftragte, bekennender Schafsfan
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