Abschied von Igor

Wenn ich zurückdenke, wie unser Training begonnen hat, kann ich kaum glauben, dass ich den selben Hund vor mir habe.

Igor ist unterdessen recht gut abrufbar und genießt den entsprechenden Freiraum: Er darf richtig rennen!
Kampfname: Rennsemmel!
Das ist kein Imponiergalopp, auch kein jagdlicher Sprint … er wirkt mit niedrigem Popo und gesenkt wedelnder Rute eher kindlich beschwichtigend, als wolle er sagen „Du, ich weiß …
ABER ICH MUSS JETZT MAL VOLLES BRETT LOSRASEN!“
Es sieht zum Piepen aus

Allerdings scheint er Schwierigkeiten damit zu haben, mich beim Rückruf auch zu „orten“.
Er hört mich ganz offensichtlich, merkt auf und beginnt, nach mir zu suchen, rennt hochmotiviert in eine beliebige Richtung los … muss mich aber offenkundig sehen, um tatsächlich bei mir anzukommen.
Dann jedoch geht ein Aufleuchten durch den ganzen Hund: „Da bist Du ja!“ …

Unsere gemeinsamen Aktivitäten dienen jetzt weniger der Konfliktvermeidung und mehr dem Vertrauensaufbau.
So verstecke ich zum Beispiel Igors Futterbeutel in der „Autogrube“ (oder wie auch immer die Gruben heißen mögen, über die man ein Auto fahren kann, damit der Mechaniker von unten rankommt …).
In diese Grube jedenfalls führt eine steile Treppe.
Allein mag Igor nicht in dieses höchst suspekte Loch im Boden steigen. Als ich aber vorangehe, spüre ich sozusagen seinen heißen Atem in meinem Rücken. Er folgt mir nach!
Und gemeinsam schaffen wir es tatsächlich, den Futterbeutel zu bergen.

Bambiaugen_web

Als es nach knapp einem Jahr tatsächlich ernsthafte Interessenten für ihn gibt, verschiebt sich der Trainingsschwerpunkt ein weiteres Mal: Igor soll „Alltagsfertigkeiten“ erlernen.

So zum Beispiel Auto fahren …
Beim Einsteigen erweist sich wieder einmal, dass Springen nicht wirklich zu seinen Talenten gehört.
Eigentlich ist es üblich und gewollt, dass die Patous über Weidezäune springen und seine Eltern tun das auch mit großer Eleganz.
Die Junghunde dagegen klettern am Zaun hoch, wuchten den Vorderkörper darüber und warten dann, bis dessen Gewicht sie auf der anderen Seite nach unten zieht.
Folgerichtig klettert Igor mit den Vorderläufen in das Heck des Autos, legt sich hin und wartet darauf, dass sein Hinterteil nachfolgen möge …
Gefühlt dauert es jedes Mal wieder Minuten bis er – sozusagen unter Ächzen und Stöhnen – die Hinterläufe einzeln nachzieht.

Bei den ersten ganz kurzen Fahrten wirkt er aufgeregt, aber keineswegs ängstlich.
Er zeigt auch keinerlei Meideverhalten, sondern läuft immer wieder freudig zum Auto.
Nur das Einsteigen – möglicherweise auch das Schließen der Heckklappe – ist ihm augenscheinlich so unangenehm, dass er immer zögerlicher wird. Hat er sich schließlich überwunden, will er so schnell wie möglich wieder hinaus. So können wir nicht fahren.
Nachdem auch die besten Leckerchen kein Argument darstellen, vermute ich, dass wir da wohl gemeinsam „durch müssen“. Ich klettere also zuerst in den Kofferraum, locke ihn zu mir und siehe da …
Er steigt auf seine bewährte Igor-Manier ein, legt sich zu mir um sich knuddeln zu lassen und findet die Welt soweit in Ordnung.

Der erste Versuch, die Heckklappe zu schließen, widerlegt meine Vermutung, es sei womöglich die Enge, die ihm unbehaglich ist. Ich habe mich sozusagen in eine Ecke des Kofferraumes gefaltet, muss den Kopf einziehen und kann mich kaum bewegen. Igor dagegen ist entzückt über die große Nähe und nutzt meine Wehrlosigkeit weidlich aus um mir ausgiebig Gesicht und Ohr zu lecken. Immerhin fühlt er sich wohl und bleibt auch bei mir als die Klappe wieder aufgeht.

Folgerichtig absolvieren wir die nächste Fahrt gemeinsam im Kofferraum.
Und die übernächste mit mir auf der Rückbank: Das Sicherheitsgitter hat ein Fensterchen, das gerade groß genug ist, damit ein Patou seinen Kopf hindurch stecken und dem wiederum wehrlosen Menschen (Anschnallpflicht!) in aller Ruhe das Öhrchen auslecken kann.

Kofferraum_web

Gleichzeitig beginnt die Zeit zu rasen.
Es gibt noch so vieles, das ich Igor gerne würde beibringen wollen und er ist jetzt so offen dafür. Aber ehe ich’s mich versehe steht seine potentielle neue Familie sozusagen schon auf dem Hof …

Mein wohlüberlegt durchgeplanter „Erstkontakt“ geht voll in die Hose …
Die Idee ist „Igor erstmal ausgiebig rennen lassen und dann müde und entspannt der Familie vorführen“.
Wie auch immer das passieren konnte: Stattdessen rennt er zu Beginn seines Freilaufes in die Familie rein.
Und wieder raus …
Meine Befürchtungen, er könne diese unbekannten Menschen (vor allem die Kinder) bedrängen, erweisen sich als Schall und Rauch.
Stattdessen lerne ich einen ganz anderen Igor kennen.

Als er den Sohn der Familie versehentlich über den Haufen rennt, schwitze ich ein weiteres Mal Blut und Wasser. Und tatsächlich macht er sich sogleich über das Kind her: ABSCHLABBERN ist angesagt!
Das entspricht zwar nicht so ganz meiner Vorstellung von einem wohlerzogenen Hund, ist aber unmißverständlich nett gemeint und kommt bei dem Kleinen glücklicherweise auch genau so an.

Wieder und wieder erweist er sich als „einfach nett“.
Was ich mir zu gerne auf mein Trainerfähnchen schreiben würde. Zurecht im Übrigen, dieser nette Hund ist das Ergebnis harter Arbeit!
Und – naja – Sohn seiner Eltern.
Souveräner, freundlicher, kinderlieber Eltern.

Das „letzte“ Einsteigen ins Auto fällt wieder schwer.
Alle gucken zu. Und dass Frau Trainerin diesmal nicht so wirklich entspannt und fröhlich ist, entgeht ihm sicher auch nicht.
Mit ein paar Tricks gelingt es gleichwohl und „mein kleiner Igor“ tritt seine große Reise in sein neues Leben als Familienhund an.

Hunde leben im „Hier und Jetzt“. Igor wird mich nicht vergessen, aber bei seinen neuen Menschen, mit denen er tatsächlich richtig zusammenleben darf und mit denen er viel mehr Zeit verbringen kann, als das hier je möglich war, wird er mich auch nicht vermissen, da bin ich mir sicher.

Mir selber gelingt es immerhin, beim Abschied nur ein paar Tränchen abzudrücken und mich erst dann vollständig in Tränen aufzulösen, als er weg ist.

Nasekraulen_web

Ein bisschen Zeit werd‘ ich noch brauchen … und dann heißt es „Training mit Ice“ …

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Über Iris

Hofköchin, Hundefachfrau, Deko-Beauftragte, bekennender Schafsfan
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