Oskar und die großen weißen Hunde

Die Hundegemeinschaft auf Durantis wächst zusammen.

Allerdings fehlen mir geeignete Schlagworte, diese in aller Kürze zu beschreiben …
Die Patous bilden ein Rudel im eigentlichen Sinne: Eltern und ihre Kinder (nach Igors Abgabe jetzt mit Ice nur noch „ein Kinder“ …).
Hütehund-Mix Brian lebt mit ihnen außerhalb des Hauses, wird aber offensichtlich nur geduldet – ein „Dazugehören“ scheint es nicht zu geben.
Ein „regelndes Eingreifen des Menschen“ gibt es nur in der Form, dass Brian separat gefüttert wird, damit ihm niemand sein Essen wegnimmt …

Oskar_sitzt_ueber_Freya

Oskar muss in dieser Konstellation wie ein Alien wirken.
Einerseits hat er Zugang zu diversen Privilegien: Er darf ins Haus, er darf mich auf den meisten meiner Wege begleiten und er hat in aller Regel meine volle Aufmerksamkeit und Zuwendung.
Freiheiten dagegen (oder was Menschen sich darunter vorstellen) hat er kaum. So darf er zum Beispiel nicht unbeaufsichtigt auf dem Hofgelände umherlaufen. Was ihn nicht daran hindert, sich gelegentlich zu absentieren … Grundsätzlich basiert seine Erziehung jedoch auf der Annahme, dass ICH diejenige bin, die Entscheidungen trifft und Verantwortung übernimmt.
Wie auch immer man diese Lebensweisen werten mag: Sie passen jedenfalls nicht zusammen.
Trotzdem teilen die Hunde sich einen einzigen Lebensraum.

***

Vor Victor hat Oskar seit der ersten Sekunde den allergrößten Respekt.
Was diesen nicht im mindesten interessiert …
Ich habe meinen Hund immer und immer wieder ratlos von einer Pfote auf die andere treten sehen, wenn Victor wieder einmal ganz entspannt quer vor einer Türe lag und Oskar das große weiße Hindernis nicht zu überwinden wusste. Mehr als einmal habe ich ihn auf meinem Arm darüber hinweg getragen*. Mittlerweile springt er zuweilen einfach über Victor hinüber – aber niemals, ohne vorher kurz „Pardon!“ zu sagen …
(* Wer nun meint, der Hund habe dem Menschen zu weichen und diesem nicht im Wege zu liegen: So habe ich das auch gelernt. Victor dagegen ist alt, krank und nach wie vor „el patrón“. Ich ziehe meinen Hut und weiche.)

***

Die sanftmütige Freya kann Hunden gegenüber ganz schön grob werden, wenn sie findet, dass ihr jemand „doof kommt“. Dann liegt ihr Gegenüber in einem Sekundenbruchteil auf dem Rücken.
Als Oskar meint, die Küchentür (oder vielleicht auch den Komposteimer) gegen sie verteidigen zu müssen, „rette“ ich ihn und pflücke Freya von ihm runter. Er fürchtet sie mehrere Monate lang …

Sie dagegen scheint ihn zu mögen.
Auf seinem Weg durch den Innenhof ins Haus, muss Oskar genau an Ice‘ Nase vorbei. Je nach Situation steht dieser vor lauter Frustration senkrecht am Ende seiner Kette, an der nur ein halber Meter fehlt um Oskar zu erreichen, und schreit ihm seine Gefühle ins Gesicht. Und nicht immer steht sofort ein Mensch bereit um Oskar die Tür zu öffnen.
Ich beobachte mehr als einmal, dass Freya sich in solchen Momenten zwischen Oskar und ihren Sohn stellt. Sie scheint Oskar regelrecht abzuschirmen. Was dieser nicht recht zu schätzen weiß: Die große Nähe ist ihm eher unangenehm.

Als es ein weiteres Mal zu einem Konflikt zwischen Oskar und Freya kommt …
(Ich habe den Rucksack mit Oskars Spielzeug und Futter unvorsichtig abgestellt, Freya ist „seinem Besitz“ zu nahe gekommen und er ist kläffend auf sie losgefahren. Oskar kann nicht begreifen, dass Freya gar kein Interesse an seinen Schätzen hat. Freya ihrerseits sieht nicht ein, warum er auf sie losgeht. Letztlich also ein Mißverständnis …)
behalte ich die Nerven und beobachte, was tatsächlich passiert:

Oskar liegt im Bruchteil einer Sekunde auf dem Rücken – wie Freya das macht, bleibt mir ein Rätsel.
Sie scheint sich in seine Kehle verbeißen zu wollen. Aber bei genauem Hinsehen ist und bleibt ihr Rachen weit geöffnet. Vermutlich berührt sie ihn nicht einmal.
Oskar zappelt kurz und liegt dann still.
Und ein Augenzwinkern später laufen beide Hunde weiter, als sei nie irgendetwas gewesen!

Nein, grundsätzlich bin ich kein Stück der Meinung, dass Hunde „das schon unter sich ausmachen“.
Wer das wirklich glaubt, muss bereit sein, Traumata, körperliche Verletzungen und schlimmstenfalls auch den Tod eines der Kontrahenten in Kauf zu nehmen.
Wobei meiner Erfahrung nach die „die machen das schon unter sich aus“ – These fast nur bei Auseinandersetzungen mit fremden Hunden zur Anwendung kommt. Und auch in diesem Falle nur dann, wenn der eigene gerade gewinnt …

Unsere Hunde, wenn sie schon kein Rudel bilden, sind einander jedoch keineswegs fremd.
Hier habe ich im Nachhinein den Eindruck, dass ich durch mein angstvolles (zugegeben) und parteiisches (natürlich!) Eingreifen zunächst Chancen verbaut habe. Ich hab erst Vertrauen in die (so viel stärkeren) Patous entwickeln müssen, bevor ich Auseinandersetzungen zulassen konnte ohne zugunsten meines Hundes einzugreifen. Leicht ist mir das nicht gefallen.

Manchmal muss ich immer noch „kurz mal Luft holen“ bevor ich Dinge laufen lassen kann: Begegnungen auf engem Raum, statische Situationen … Ressourcenstreitigkeiten jeder Art zu vermeiden, ist mir nun mal in Fleisch und Blut übergegangen. Den Hunden geht es offenbar nicht anders … nur agieren sie völlig unaufgeregt …

Anfangs passt es Oskar durchaus nicht, wenn Victor vor (ach was: AUF!) meinen Füßen zusammenbricht um sich knuddeln zu lassen. Er wahrt jedoch Distanz, hat kurz mal etwas anderes zu erledigen. Und verlässt sich unterdessen darauf, dass ich mich des Störenfriedes rasch entledigen werde um meine Aufmerksamkeit wieder ihm zuzuwenden. Mittlerweile reagiert er so, wie er das auch tut, wenn ich zwischendurch mit anderen Menschen klöne: Er lässt mich gewähren …

***

Finden die Hunde verstorbene Weidetiere bevor wir diese entdecken, kümmern sie sich sogleich um deren „Entsorgung“: innerhalb kürzester Zeit sind sie verschwunden.
Oskar habe ich von diesem Ritual stets mit Bedacht ferngehalten – Ich war mir keineswegs sicher, wie die Patous auf seine Beteiligung reagieren würden!
Heute jedoch ist der Tag der Tage und Oskar ist mit Feuereifer dabei, die sterblichen Überreste eines Lammes zu zerlegen.

Wenn es um Futter geht, kann Freya sehr heikel sein.
Als sie jetzt alarmiert herbeigetrabt kommt, bricht mir der kalte Schweiß aus.
Freya dagegen scheint festzustellen, dass es nur Oskar ist, legt sich hin und schaut ihm in aller Ruhe beim Fressen zu. Er seinerseits lässt sich auch keineswegs stören …

Als Victor sich ebenfalls zu uns gesellt, steigt mein Puls ein weiteres Mal kurz an.
Victor kommt … sieht … überlegt … und findet das eine prima Gelegenheit, sich mal gründlich von mir durchknuddeln zu lassen.

(Wäre Oskar am Lamm BEVOR die Patous sich sattgefressen hätten, sähe die Sache anders aus, da bin ich mir sicher. Trotzdem denke ich heute, dass sie sich auch in diesem Falle gütlich einigen würden.)

***

Bleibt die Begegnung mit Ice …
Zusammentreffen mit den Junghunden haben wir – nach einigen wenigen, aber sehr unschönen Auseinandersetzungen – tunlichst vermieden.
War doch mal einer der beiden ausgebüxt, wurde er auf kürzestem Wege zum Haus zurückbefördert.

Einmal, als ich ohne Leine und ein ganzes Stück vom Haus entfernt unterwegs bin, gesellt sich – neben Victor, Freya und Brian – plötzlich auch ein hocherfreuter Igor zu uns, hält aber Abstand zu Oskar und mir.
Ich gehe zum Haus zurück und bemühe mich dabei nach Kräften, es den Hunden gleichzutun und mich zu benehmen, als wäre alles normal. Sie kriegen das irgendwie entspannter hin, als ich …

Beim ersten geplanten Zusammentreffen bin ich nicht allein und wir haben Ice vorsichtshalber an der Schleppleine. Er zeigt jedoch kein großes Interesse an Oskar.
Als er – eher zufällig – doch einmal zu nahe kommt, knurrt Oskar ganz leise.
Ich habe sehr oft erlebt, dass seine leisen, feinen Signale von anderen Hunden kurzerhand ignoriert wurden und er sich irgendwann genötigt sah, laut zu werden.
Der Jungpatou – bei aller sonstigen Distanzlosigkeit und „Bollerigkeit“ – reagiert sofort und zieht sich zurück.

Ich entspanne mich soweit, dass ich genauer beobachten kann.
Oskar zeigt bei Begegnungen, die ihm nicht geheuer sind, häufig eine ambivalente Körpersprache: Sein Popo gibt sich mit hoch erhobener Rute sehr selbstbewusst, der Kopf jedoch ist gesenkt und sagt eher „Mamamamama …“. Während wir uns in Richtung Haus bewegen signalisiert sein Kopf tatsächlich Unbehagen, die Rute hält er jedoch neutral. Übertriebene Signale sind augenscheinlich nicht notwendig.

Rute_hoch_kopf_runterAuf dem Bild trägt Oskar die Rute vergleichsweise hoch, der Gesichtsausdruck ist angespannt.
Interessant ist, dass jedes Mal, wenn Oskar sich nach Ice umsieht, dieser innehält und seinerseits in eine andere Richtung schaut.

Und offenbar erstarkt sein Selbstbewusstsein. In aller Seelenruhe platziert er einen Haufen an exponierter Stelle, den Ice anschließend in Augenschein nimmt, ohne jedoch überzumarkieren.
Daraufhin – und das überrascht mich vielleicht am meisten – geht Oskar zu Ice hin und beriecht ihn kurz.

Im Allgemeinen interessiert Oskar sich nicht für andere Hunde (es sei denn, sie sind weiblich und läufig, aber selbst das ist keine Garantie), dass er hier mal „eine Nase nimmt“ ist ganz ungewöhnlich für ihn.
In dieser positiven Stimmung beenden wir unseren „Ausflug“.

***

Wie sehr das Zusammenleben mit den Hofhunden meinen Hund verändert hat, erfahre ich, als bei einer Stippvisite in Deutschland eine junge Frau ihren Labradorwelpen zu Oskar hinlaufen lässt.
Abgesehen davon, dass ich es für eine Unsitte halte, den eigenen Hund ungefragt zu anderen hinzulassen: Wir hassen Welpen! Und Labradore sowieso!
Oskar möchte von anderen Hunden am allerliebsten einfach in Ruhe gelassen werden.
Welpen und Labradore haben häufig eines gemeinsam: Sie sind nett, kontaktfreudig, verspielt, aufdringlich, distanzlos. Und: Die „bitte lass mich in Ruhe“ – Signale anderer Hunde kommen bei ihnen nicht zwingend sofort an.
Weswegen der meine dazu neigt, beide ohne große Diskussion ungespitzt in den Boden zu rammen …

Auf meine Warnung hin gibt die Besitzerin sich auch alle Mühe, braucht aber doch einige Zeit, bis sie ihren Hund tatsächlich eingesammelt hat. Währenddessen höre ich Oskar konstant leise knurren, er macht jedoch keinerlei Anstalten, den Welpen zu maßregeln sondern wartet einfach, bis der „Nervling“ entfernt ist. Letztlich bin ich sehr stolz auf meinen Hund!

***

Das Fotoshooting mit Freya und Ice (Victor ist durch nichts zum Verlassen seiner schattigen Liegestelle zu bewegen) bringt leider nicht den erhofften Erfolg. Um jeweils beide Hunde auf ein Foto zu bannen, müssen sie einander sehr viel näher kommen, als sie das üblicher- und höflicherweise tun. Auf diese Weise entsteht eine hochinteressante Fotostrecke zum Thema „deeskalierende Kommunikation“, aber nichts, was geeignet wäre, den entspannten Umgang der Hunde untereinander zu dokumentieren.

WegschauenDass Ice und Oskar hier sehr angelegentlich in verschiedene Richtungen schauen, ist ganz sicher kein Zufall …

Beschwichtigungsbogen_1Den Beschwichtigungsbogen, den Oskar gerade läuft, sieht man sogar an seiner Körperhaltung. Außerdem züngelt er. Glücklicherweise resultiert die Anspannung lediglich aus der mehr oder weniger gestellten Situation.

Dass den Patous Kommandos völlig fremd sind, kommt erschwerend hinzu: Oskar kann ich positionieren, der sitzt und platzt in etwa da, wo ich das möchte (wenn es nur nicht zu dicht bei Freya ist).

gemeinsam_liegen

Sie dagegen mag schon nicht recht einsehen, warum man sich in der Sonne bewegen soll, wenn man auch im Schatten liegen kann. Irgendwann fällt sie kurzerhand um und gibt sich ihrem Schlafbedürfnis hin …

Freya_faellt_um

***

Eine „Expedition“ am Wochenende macht ein weiteres Mal klar, wie unterschiedlich die einzelnen Hunde „ticken“ …
Wir vermuten, dass es entlang des Bachlaufes, der eine der Grundstücksgrenzen darstellt, einmal einen Weg gegeben haben muss und wollen versuchen, diesen wiederzufinden. In einer bergigen Region keine ganz so einfache Aufgabe …

Bach

Um den Lauf des Wassers zu verlangsamen, wurden meterhohe Mauern in das Bachbett gebaut.

Anfangs begleiten uns Oskar und Brian. Letzterer schließt sich immer an sofern man ihn nicht aktiv daran hindert, begnügt sich dann aber damit, für sich selber den bequemsten Weg zu finden (da er sich sehr gut auskennt, lohnt es sich häufig trotzdem, sich an ihm zu orientieren).
Freya gesellt sich (sofern sie nichts wichtigeres zu tun hat) zu uns sobald klar wird, dass wir die unmittelbare Nähe des Hauses verlassen.
Victor begleitet uns normalerweise nicht mehr. Das Laufen fällt ihm schwer und er geht nur noch „auf Patrouille“ wenn ihm das zwingend notwendig erscheint. Als wir jedoch von der normalen Route abweichen und uns weglos im Gelände bewegen, eilt er höchst alarmiert herbei.
Zu diesem Zeitpunkt sind wir schon seit gut einer Stunde vom Hof weg und befinden uns außer Sicht irgendwo mitten im cevenolen Grün. Uns dort zu finden, ermöglicht ihm seine Nase – aber wie konnte er wissen, ab wann wir die gewohnten Wege verlassen?

Oskar gibt mit Feuereifer den Pfadfinder. Er kann nicht wissen, dass wir ihm nicht durch jede Lücke im Unterholz ohne weiteres folgen können, aber grundsätzlich sind die Pfade, die er vorschlägt häufig gangbar. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass es ihm Freude macht, so einmal mich zu führen.
Brian geistert irgendwo in unserer Nähe durchs Gehölz.
Die Patous folgen uns wie weiße Schatten. Als wir wieder in der Nähe des Hofes und somit aus ihrer Sicht wohl in der Lage sind, den Rest des Weges allein zu bewältigen, sind sie plötzlich lautlos verschwunden.

Es hat während dieser gemeinsamen Wanderung keine erkennbare Interaktion zwischen den Hunden gegeben. Gleichwohl hat jeder von ihnen seinen Job gemacht und vielleicht haben sie aus ihrer Sicht – von uns ganz unbemerkt – gemeinsam wie ein Uhrwerk funktioniert.

To be continued …

Fotos: Bernd Ackermann

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Über Iris

Hofköchin, Hundefachfrau, Deko-Beauftragte, bekennender Schafsfan
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4 Antworten zu Oskar und die großen weißen Hunde

  1. Bea Wiedersheim schreibt:

    Ich liebe diese Berichte! Als Patou-Besitzerin begegnet mir darin immer wieder meine Ginette…

  2. shira-hime schreibt:

    ich finde Deine Berichte über die Patou ebenfalls sehr interessant und spannend.. =)
    vielen Dank, dass Du uns daran teilhaben lässt!

    liebe Grüße
    shira

  3. Andrea Arnoldt schreibt:

    Immer wieder spannend…

    LG Andrea mit Linda

  4. Pingback: Oskar und Major – Durantis en blogue

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