Iceman

Einsilbige Namen lassen sich schlecht rufen, finde ich …
Und da ich die peinliche Angewohnheit hatte, die beiden Junghunde unter anderem mit „Männlein“ anzusprechen, ist mir „Iceman“ sozusagen rausgerutscht …
Mit gewissen US amerikanischen Filmen hatte das weniger zu tun …

Nachdem Igor vermittelt war, ist uns erst klargeworden, wie sehr die beiden Brüder einander auf die Nerven gegangen sein müssen: Ice wurde – ganz ohne unser Zutun – mit jedem Tag netter.
In den morgendlichen Freilauf entlassen ist er zwar immer wie angestochen losgerannt, meist aber auch nach 10 bis 15 Minuten an seinen Platz zurückgekehrt und hat darauf gewartet, wieder angekettet zu werden (so schrecklich das auch klingen mag).
Es sei denn, er hatte Gelegenheit, mit seiner Mutter – oder besser noch mit beiden Eltern – zu einem Ausflug aufzubrechen. Dann kamen alle drei eher nach zwei Stunden wieder und man konnte an ihrem Fell ablesen, dass sie ein schönes Schlammloch zwecks Linderung sommerlicher Hitze gefunden hatten.
Mit seinem Vater hat er oft richtig schön gespielt.

Mit ihm war das Training nicht so bitter notwendig wie mit seinem Bruder und er war nicht so sehr darauf angewiesen, beschäftigt zu werden.
Für’s Apportieren habe ich ihn nicht begeistern können und er war jederzeit der Meinung „Ich leg mich mal hin“ sei die ideale Reaktion auf jegliches Begehr seiner menschlichen Bezugsperson. Vorzugsweise hat er sich gleich ganz auf den Rücken gedreht um sich kraulen zu lassen …

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Abrufbar dagegen war er ganz wunderbar!
Wenn man einmal davon absieht, dass ich nur selten dazu gekommen bin, „ici!“ zu sagen: Wenn er meiner ansichtig wurde, ist er einfach herangedonnert wie ein D-Zug …
Immerhin hat er gelernt, mit der Nase an meiner offenen Hand anzudocken.
Ein veritabler Handtouch war das nicht … die Patous schätzen einfach Schnauzenzärtlichkeiten …
aber ein sehr schönes Alternativverhalten zum Anspringen.

Mich hat er buchstäblich das Loslassen gelehrt.
Einen Hund von der Leine / Kette zu lassen (so hab ich das gelernt und so finde ich das eigentlich auch richtig) geht so: Idealerweise setzt sich der Hund auf Kommando hin oder hält zumindest still bis die Leine gelöst ist. Dann erhält er die Freigabe, loszulaufen.
Ice dagegen hat sich zwar sofort hingelegt, sich dann aber „kieloben“ gedreht und mit allen Vieren gestrampelt. Breit gegrinst und grunzend nach meinen Händen gehascht.
Und was hab ich gemacht?
Statt ein sauberes Ritual aufzubauen, habe ich mich in den Vollkontakt gestürzt (ein Patou-Bad genommen), meinerseits zurückgetatzt, dicke Hundenasen geneckt … und eher nebenbei die Kette gelöst. Um dann mit ihm gemeinsam loszurennen …

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Das, genau das, habe ich mit Hilfe der Patous zu schätzen gelernt:
Gemeinsames Tun zu entwickeln.
Nicht so sehr über Trainingswege nachzudenken, die ich mit dem Hund umsetzen kann, sondern einfach mal zu schauen, was wir zusammen so hinkriegen.

Da wir zu diesem Zeitpunkt – nach über einem Jahr erfolgloser Vermittlungsbemühungen – versucht haben, uns dann doch mit dem Gedanken anzufreunden, ihn hier zu behalten, war die Zielsetzung nun auch wieder eine andere: Mehr Integration in das Leben auf dem Hof, mehr Freiheiten …
Im Garten funktionierte das nicht ganz so gut: Alle Hunde auf dem Hof haben gelernt, dass man nicht ins Gewächshaus darf. Und vor allem nicht auf den Folien, die Unkrautwachstum und Wasserverdunstung hemmen, herumtrampeln und Löcher hineintreten! Einer nicht … wie denn auch …

Andererseits hatten wir lange gezögert, die Schafe in die Nähe des Hauses – sprich: in seine Sichtweite – zu holen. Als er sie zum ersten Mal hat rennen sehen und plötzlich ganz gespannte Aufmerksamkeit war, habe ich dann auch Blut und Wasser geschwitzt. Habe die Nerven verloren und nach ihm gerufen und – voilà! – kam er angeflitzt!

Dann – ganz unverhofft – doch noch eine Anfrage!
Statt Garten – nun also doch wieder Autotraining.

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Und die höchst bange Frage, wie wir die Begegnung mit der Hündin der Interessenten über die Bühne bringen könnten.

***

Alles was wir wissen, ist, dass Ice bisher so gut wie keine Kontakte zu fremden Hunden hatte, dass es Job seiner Eltern ist, streunende Hunde vom Hof fernzuhalten, und, dass er, beim Versuch hierbei zu helfen, gemeinsam mit seinem Bruder weit über das Ziel hinausgeschossen ist.

Zunächst einmal lernt er die Menschen kennen und läßt hierbei seinen ganzen Charme spielen.
Danach stellen wir ihn der Hündin vor.
Im ersten Moment ist er empört, weil er einen fremden Hund gesichtet hat.
Im zweiten auch – jetzt aber, weil er unbedingt zu dem anderen Hund hin will und ich ihn nicht lasse (wir haben beschlossen, ihn bei der ersten Begegnung vorsichtshalber an der Schleppleine zu lassen und ich möchte nicht, dass er die Hündin womöglich überrennt).

Sie ihrerseits, eine 7jähriger Border Collie Hündin, ist offensichtlich nicht erpicht, den riesenhaften Schnösel sofort näher kennen zu lernen. Recht wohl ist ihr nicht zumute: Der Rücken ist gerundet, die Rute unten, die Öhrchen weggeklappt. Andererseits macht sie sehr schön ihre Prioritäten deutlich: Sich orientieren, schnuppern, hier und da markieren … da kann der Schnösel sich empören so viel er will.
Ab und an schaut sie sich nach ihm um und dann gehen ganz kurz die Öhrchen hoch – als wolle sie sich versichern, dass er die Botschaft auch versteht.

Nachdem wir einige Meter mit „Sicherheitsabstand“ gelaufen sind, lassen wir die Hunde näher zueinander.
Die kleine Hündin ist nach wie vor nicht „amused“ und zieht – wenn es ihr zu viel wird – die Lefzen hoch.
Hierauf reagiert Ice sehr schön: Er wahrt Distanz.
Dass nicht einmal seine schönsten Spielaufforderungen goutiert werden, lässt ihn allerdings die Fassung verlieren: Dann kläfft er los.

Wenige Minuten später setzt die sommerliche Hitze allen Aktivitäten ein Ende: Wir haben uns ein schattiges Plätzchen gesucht und beide Hunde haben sich hingelegt. Im Abstand von 2 bis 3 Metern ohne dabei Anzeichen von Streß zu zeigen.

Da wir mit Liebe auf den ersten Blick auch gar nicht gerechnet haben, nehmen wir dies als hinreichend gutes Zeichen und ehe er sich’s (oder mehr noch: ehe ich mich’s versehe) ist auch Ice in einen Kofferraum bugsiert und auf dem Weg in ein neues Zuhause.

***

Ein letztes Mal mischt der Iceman unser Leben gründlich auf als es ihm zwei Tage später gelingt, seinen neuen Besitzern auszubüxen.
Nachbarn werden verständigt, Tierheime und Polizei hinzugezogen, Suchplakate aufgehängt. Nur wir können, nur ich kann aus der Entfernung so gar nichts tun. Kann nicht wie gewohnt nach ihm rufen.
Beschreite also andere Wege: Die Suchanzeige bei Facebook sehen fast 10.000 Menschen …

Nach gut anderthalb Tagen steht Ice mit Unschuldsmiene vor der Tür seiner neuen Menschen: Offenbar hat er einfach mal einen schönen Ausflug unternommen. Zur Abwechslung ohne Mama und Papa …

***

Auf dem Hof ist es ruhiger geworden ohne ihn, wir haben buchstäblich eine Sorge weniger.
Trotzdem kann sich offenbar keiner von uns entschließen, seine Kette und seine Näpfe wegzuräumen. Alles sieht immer noch aus, als würde er nur kurz mal einen Ausflug machen …

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Fotos: Bernd Ackermann

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Über Iris

Hofköchin, Hundefachfrau, Deko-Beauftragte, bekennender Schafsfan
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