Training mit Igor

Bei meinem Sparringspartner Igor handelt es sich um einen Patou (Pyrenäenberghund), der vor gut anderthalb Jahren auf einem Bio-Bauernhof in den südfranzösischen Cevennen geboren wurde. Er lebt hier mit seinen Eltern Victor und Freya, seinem Bruder Ice und einem Hütehundmix namens Brian.
Die Patous werden eingesetzt, um Grundstücke zu bewachen und vor allem Wildschweine und streunende Hunde fernzuhalten. Sie werden daher nicht im Haus, sondern draußen gehalten, selbständiges Agieren ist durchaus erwünscht und starke Orientierung am Menschen eher hinderlich.
Ice und Igor hätten – wie alle bisherigen Welpen – an andere Bauern oder Liebhaber der Rasse abgegeben werden sollen, es haben sich jedoch in ihrem Falle keine seriösen Interessenten gefunden, weswegen die beiden auf dem Hof verblieben.
Hier hätten sie nun an ihre spätere Arbeit herangeführt und vor allem auf die anderen Tiere des Hofes sozialisiert werden müssen (Herdenschutzhunde werden traditionell als Welpen von anderen Hunden getrennt und wachsen stattdessen unter den Schafen auf, die sie später beschützen sollen).
Aufgrund einiger sehr unglücklicher Umstände blieben die beiden stattdessen weitgehend sich selbst überlassen.
Man hoffte, ihre Eltern würden ihre Erziehung übernehmen, was zunächst auch der Fall zu sein schien.
Victor ist ein außerordentlich gelassener und souveräner, sehr beeindruckender Rüde, der seinen Söhnen ein großartiges Beispiel geboten hat bis er im letzen Herbst schwer erkrankt ist. Von der nötigen OP hat er sich bis heute nicht wirklich erholt: Er ist alt geworden und sein Interesse, Dinge zu „regeln“ hat merklich nachgelassen.
Freya ist die sanftmütigste Hündin, die ich je kennengelernt habe: Sie macht unter anderem einen prima Job als Therapiehündin für furchtsame Touristenkinder. Sie ist außerordentlich wachsam, weiß aber leider weit weniger als Victor zu unterscheiden, was tatsächlich wichtig ist, also in welchen Fällen bellend losstürmen sich auch wirklich lohnt.
Den beiden Junghunden mangelte es an Anleitung, aber auch an einem eigenen Tätigkeitsbereich und es kam, was kommen musste:
Beim Fernhalten fremder Hunde sind sie weit über das Ziel hinausgeschossen – man stelle sich zwei Halbstarke vor, die plötzlich einen Dritten vorfinden, den sie terrorisieren können …
Aus schierer Langeweile und Übermut haben sie die anderen Tiere auf dem Hof in ihre Jagdspiele einbezogen, was die Ponies weitgehend unbeeindruckt ließ, unter den Schafen und Ziegen aber für ein Übermaß an Aufregung sorgte.
Statt ihrem Besitzer Arbeit abzunehmen, machten sie ihm nichts als Ärger.
Als der Mensch begann, Hunde auf bestimmte Merkmale hin zu selektieren, war es Gang und Gäbe, „untaugliche“ Hunde kurzerhand zu töten. Hier auf dem Land kann das Hetzen von Weidetieren noch heute für jeden Hund das Todesurteil bedeuten.
Ihr Verhalten Menschen gegenüber war – von altersbedingter Rüpeligkeit und ausgeprägter Grobmotorik einmal abgesehen – immer vollkommen unproblematisch. Allerdings sind den Sommer über Feriengäste auf dem Hof, die diese Einschätzung schwerlich geteilt hätten. Die überschwänglichen Avancen eines begeisterten Jungpatous sind nicht jedermanns Sache und vor allem Kindern ganz sicher nicht zuzumuten.

Beide Hunde sind daher seit Anfang des Jahres in der Vermittlung. So wie gefühlt Tausende anderer Herdenschutzhunde auch. Es ist zynisch, aber die Tatsache, dass sie nicht in einer Tötungsstation dahinvegetieren, nicht von der Einschläferung bedroht sind, sondern so gut wie nur möglich verwahrt werden, scheint ihre Vermittlung nur schwieriger zu machen.
Die Überlegung, sie an ein Tierheim abzugeben, haben wir verworfen: Ein Dasein an der Kette, aber in vertrauter Umgebung (sprich: Mitten auf dem Hof, im Zentrum des Geschehens), mit ständigem Kontakt zu den anderen Hunden und regelmäßigem Freilauf schien uns nicht schlimmer, als ein Leben im Tierheimzwinger.
Ein großes Gehege, das ihnen mehr Bewegungsfreiheit bietet, ist noch im Bau.

Soweit es möglich ist, darf jeweils einer der beiden Bauer Bernd zur Arbeit begleiten.
In Falle von Igors Bruder Ice ist das ohne Probleme möglich: Er ist entzückt, dass er mitdarf und möchte unbedingt gefallen. Er tobt und springt herum und wenn er damit fertig ist, tut er, was Patous zu tun pflegen: Er legt sich hin und wartet, bis es weitergeht.
Igor dagegen sucht die Konfrontation: Mit seinem Bruder, seinem Vater und eben auch mit dem Menschen, den er begleitet. Er rennt ebenso los wie sein Bruder, testet dann aber aus, wie viel Anlauf er wohl braucht, um Bernd von den Füßen zu holen.
Weswegen er seltener bis gar nicht mitgenommen wird und umso unausgelasteter ist.

Und hier komme ich ins Spiel …

 

Ich bin durchaus keine Freundin der Methode, übergriffiges und grobes Verhalten eines Hundes mit ebensolcher Grobheit zu beantworten, sondern habe im Gegenteil immer argumentiert, der Hund müsse dann ja erst recht glauben, das sei die Art, wie Menschen und Hunde miteinander umgingen.

Einige Bodychecks Patou Style später, sehe ich die Sache in einem geringfügig anderen Licht. An der Leine springt Igor wie ein Gummiball auf und ab, rempelt mich ohne große Anstrengung in Schulterhöhe und versetzt mir schmerzhafte Tatzenhiebe. Unangeleint nimmt er zu diesem Behufe auch noch Anlauf, was es schwierig macht, überhaupt auf den Beinen zu bleiben. Ich ziehe das Knie an (wohlgemerkt ohne dabei nach ihm zu treten!) um ihn wenigstens ein bisschen auf Distanz zu halten, rempele aber auch meinerseits ein paar mal aktiv, was ihn zumindest kurzfristig beeindruckt.
Eigentlich kommuniziert Igor sehr viel feiner und lässt sich auch mit einem finsteren Blick in die Schranken weisen. Jetzt ist er jedoch so überdreht, dass er feine Signale überhaupt nicht wahrnimmt.
Unsere ersten gemeinsamen Gehversuche ähneln so eher Ringkämpfen als Spaziergängen.

Grundsätzlich, denke ich, schadet es einem Hund nicht, seinen Menschen auch einmal wütend (sprich: aggressiv) zu erleben. Es ist ein Unterschied – und ich bin mir sicher, dass die Hunde diesen erkennen – ob ich kühlen Gemütes grob körperlich mit einem Hund umgehe, weil ich das für eine adäquate Erziehungsmethode halte, oder ob ich, wenn meine Grenzen verletzt werden, ganz authentisch sauer reagiere. Wohl fühle ich mich bei meinem Tun trotzdem nicht: Ich mag mich nicht, wenn ich so mit einem Tier umgehe.

Ich versuche also, Igors Verhalten umzulenken.
Im ersten Anlauf werfe ich Futterbröckchen, das Signal „cherche!“ hat er von mir ja schon einige Male gehört. Wenn es mir gelingt, ihn „abzuholen“, bevor er wieder im Zielanflug ist und den Keks so an seiner Nase vorbeiziehe, dass er ihn auch fliegen sieht, klappt das recht gut. Also „keksen“ wir uns über die ersten Meter.

Erste Versuche mit einem Ball sind bedingt erfolgreich: Er setzt ihm mit gigantischen Mäuselsprüngen nach, lässt ihn dann aber liegen. Den Ball selbst aufzuheben, ist nicht ohne Risiko: Egal ob Rempler oder begeisterter Versuch, mit mir gemeinsam doch noch einmal nach dem schönen Spielzeug zu haschen – es tut weh. Also: Ball werfen – Keks werfen – Ball aufheben …
Kurz darauf versenken wir den Ball in einem Wildblumenbeet – den können wir suchen, wenn die Schafe mit „mähen“ fertig sind …

An das Signal „assis!“ erinnert er sich ebenfalls, ich beginne also, ihm das Sitzen als Alternativverhalten zum Anspringen anzubieten. Anfangs muss ich ihm eine Handvoll Futterbrocken unmittelbar vor die Nase halten, um ihn zu erreichen. Nach ein paar Versuchen klappt es aber sogar dann, wenn er in vollem Lauf auf mich zugebrettert kommt.
Weniger erfreulich ist, dass er mir das Sitzen jetzt seinerseits fast ununterbrochen anbietet und ich keinen Fuß mehr vor den anderen setzen kann. Bleibt die erhoffte Belohnung aus, fängt er außerdem wieder an, mich anzuspringen. Ich werfe also wieder Kekse.

Ich finde einen weiteren Ball und stelle überrascht fest, dass er diesen jetzt apportiert!
Oder ihn zumindest in meine Richtung trägt. Damit er ihn wieder rausrückt, kommt ein weiteres Mal die Methode „Keks vor Nase“ zur Anwendung. Bin ich mit dem erneuten Werfen des Balles zu langsam, fängt er allerdings wieder an zu springen. Ich halte die Hand mit dem Ball bewusst unten, um ihn nicht noch mehr zu provozieren und habe prompt das Problem, dass er in meine Hand beißt. Obwohl es wehtut, ignoriere ich sein Benehmen und werfe erst, wenn er von mir ablässt. Und siehe da: Nach drei, vier Versuchen bietet er „sitzen“ an!

 

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Hundetraining auf Durantis ist nicht so wirklich unkompliziert: Kaum macht man sich verdächtig, etwas Interessantes zu unternehmen, kommen alle Hunde mit.

Brian, der allem, was fliegt zwanghaft hinterher rennt, kann ich beim Apportiertraining überhaupt nicht brauchen. Und obwohl er sonst absolut verträglich ist, stellt er sich Igor immer wieder knurrend und fletschend in den Weg. Der gibt sich ganz kindlich, macht Spielangebote oder wirft sich gleich ganz auf den Rücken, was Brian aber keineswegs milder stimmt.
Victor und Freya beobachten eher, ihre Anwesenheit hemmt Igor jedoch. Dass er nicht wagt, mich vor Victors Augen anzuspringen, weiß ich durchaus zu schätzen, er traut sich aber auch nicht zu mir, um Futter zu nehmen.
Bevor ich also beginne, sollte ich schlauerweise alle Hunde anketten oder wegsperren – wenn sie denn die Freundlichkeit besäßen, zu diesem Zwecke bereit zu stehen.

Als ich mit Igor losgehe, ist weit und breit kein anderer Hund zu sehen. Sowie ich aber ein Stück vom Hof entfernt bin, „materialisieren“ sich Freya und Victor. Anders kann man es nicht beschreiben: Vor allem Victor läuft einem nicht nach – er erscheint wie aus dem Nichts.
Als ich mit Igor apportieren will, stellt Victor sich quer vor ihn, genau über den Ball. Ein Lehrbuchbeispiel für die T-Stellung, aber auch ohne Kenntnisse der Kommunikation unter Hunden nicht mißzuverstehen: „Keinen Schritt weiter! Diesen Ball bekommst Du nicht!“.
Anders als Brian gegenüber nimmt Igor die Herausforderung an: Er wird stocksteif, Kopf und Rute sind hoch erhoben. Die ganze Situation wirkt enorm angespannt.
Da ich eine Beißerei unbedingt vermeiden möchte, versuche ich, Igor dort herauszurufen und bin zunächst entzückt, dass dies tatsächlich gelingt. Sekundenbruchteile später muss ich allerdings feststellen, dass er seinen Frust stattdessen jetzt an mir abarbeitet.
In solchen Momenten wünscht man sich eine Lederkombi …

Ich leine Igor an den nächstbesten Baum, locke die anderen Hunde zurück zum Hof und kette sie dort an.
Zurück zu Igor: Tief Luft holen, lächeln und einfach noch einmal ganz von vorn anfangen …

Die Auszeit scheint ihm gut getan zu haben.
Er ist freundlich, aufmerksam und gibt sich die allergrößte Mühe. Das Apportieren klappt jetzt zuverlässig – er hebt den Ball sogar von sich aus noch einmal auf wenn er ihm herunterfällt und gibt ihn mir dann in die Hand. Landet der Ball im Gebüsch (ich bin keine begnadete Werferin), gehen wir gemeinsam auf die Suche, ohne dass er mich bedrängt.
Trotz einiger Schrammen und blauer Flecke bin ich außerordentlich zufrieden mit dem Ergebnis unserer Bemühungen.

 

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Herdenschutzhunde, habe ich gelernt, schätzen ausgedehnte Trainingssequenzen mit zahlreichen Wiederholungen nicht – ihnen bietet man besser wenige, aber komplexe Aufgaben an. Blöderweise habe ich seinerzeit versäumt, zu erfragen, was man ihnen anbietet bis sie soweit sind, besagte komplexe Aufgaben auch lösen zu können …

Mein erster Versuch mit dem Preydummy geht beinahe in die Hose: Ich werfe Ball, Ball, Ball, Preydummy … und Igor ist nicht blöd – DAS kann man essen und prompt versucht er, sich damit davonzumachen. Immerhin gelingt es mir, ihm den Dummy ohne Stress wieder abzutauschen …

Parallel baue ich Pylone für ihn auf, unter denen sich Futter verbirgt. Der Erfolg hält sich jedoch in Grenzen: Er riecht zwar offensichtlich das Futter, sieht aber keinerlei Veranlassung, sich deswegen mit dem komischen Plastikkegel zu befassen.

 

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Allmählich bekomme ich den Eindruck, dass Igor neue Aufgaben erst einmal überschlafen muss: Als ich einen Tag später erneut den Preydummy werfe, apportiert er ihn als hätte er nie etwas anderes getan. Ich setze noch einen drauf und lasse ihn sitzen und bleiben während ich den Dummy einige Schritte entfernt auf den Boden lege. Das fällt noch schwer: Da der Reiz des Werfens fehlt, mag Igor sich nicht recht in Bewegung setzen.

 

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Nur einen weiteren Tag später verstecke ich den Dummy unter dem Pylon …. Und Freund Igor marschiert mit der allergrößten Selbstverständlichkeit los, schubst den Pylon um und apportiert! Ich könnte platzen vor Stolz!

 

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Nach knapp zwei Wochen Training ist Igor insgesamt sehr viel gelassener und auch Frequenz und Intensität unserer „Ringkämpfe“ haben sich stark verringert: Wenn wir jetzt losgehen hat er Eile, unseren Trainingsplatz zu erreichen und verschwendet meist keine Zeit mit Rüpeleien.

 

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To be continued …

 

Fotos: Bernd Ackermann

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Oskar übt sich im „Hofhund sein“

Ein Hund, der auf dem Land aufgewachsen ist, muss erst lernen, in der Stadt zurechtzukommen. Eigentlich kein Wunder, dass es umgekehrt genauso ist …

Allmählich kommt Routine ins Landleben:
Am Morgen gehen wir zum Stall und lassen die Schafe hinaus.

Bis zum Stall darf Oskar mitkommen, danach wartet er – trau, schau wem – hinter dem Zaun.
Er hat zwar schon im Welpenalter diverse „Bauernhoftiere“ kennengelernt, war dabei aber immer „bei mir“ – an der Leine, unter Kommando, oder sonst wie beschäftigt.
Hier begleitet er mich zwar, hat jedoch sehr viel mehr Bewegungs- und Entscheidungsspielraum und unter Umständen bin ich intensiver mit den anderen Tieren befasst, als mit ihm. Trotzdem muss ich mich darauf verlassen können, dass er keine Unruhe stiftet.
Die Patous würden eventuellen Hüte-Ambitionen ein abruptes Ende setzen, da bin ich mir sicher.
Als er die Schafe zum ersten Mal aus ihrem Stall drängeln sieht, habe ich ihm trotz des Zaunes ein „Sitz“ Kommando gegeben und es hält ihn vor Aufregung kaum auf seinem Popo. Danach kann ich regelrecht zusehen, wie sein Interesse mit jedem Tag abnimmt. Anfangs ist er noch beobachtender „Zaungast“, später befasst er sich lieber mit eigenen Angelegenheiten.

Das mag auch damit zu tun haben, dass die Schafe allmählich ein Interesse an ihm entwickeln: Sie kommen heran und wollen schauen, was er für einer ist, worauf er vorsichtshalber den Rückzug antritt. Als eines der Mutterschafe ihr Lamm an ihm vorbei führen möchte und ihm daher mit einem Aufstampfen droht, ist er denn auch gebührend beeindruckt.

Ich meinerseits bin beeindruckt und sehr stolz auf meinen Hund, als die Schafe eines Tages ausbüxen und sozusagen quer über den Hof spazieren. Oskar bemerkt das lange vor uns, macht aber weder Krawall, noch jagt er die „Ausbrecher“, sondern er kommt zu mir und überlässt es den Menschen, für Ordnung zu sorgen.
Anschließend liegt er stundenlang auf einem Aussichtspunkt und behält die Schafe vorsichtshalber weiter im Auge …

Ich hab auch Spaß an den wolligen Zeitgenossen!

Im Ausbüxen sind sie erstaunlich gut!
Wenn der angebotene Weidegrund ihnen nicht mehr attraktiv erscheint, entwickeln sie eine verblüffende Kreativität – von wegen „dummes Schaf“!
Heimlichtuerei ist allerdings nicht ihre Stärke: Lässt man sie in Ausflugslaune aus ihrem Stall, wird sofort und unter aufgeregtem „Mäh! Mäh!“ der Fluchtweg angesteuert. Dann weiß man, an welcher Stelle man den Zaun ausbessern muss …

Sie lassen sich führen, indem man mit etwas Attraktivem (einer Dose, in der Trockenfutter rappelt, oder – besser noch – einem Arm voll Salat) vor ihnen herläuft. In diesen Fällen können sie auch sehr fordernd sein: Wenn man ihr Futter nicht schnell genug rausrückt, stellen sie sich auf die Hinterläufe und schubsen mit den Vorderbeinen. Wenn sie einen kennen, kommen sie schon angerannt, sobald man sich ihnen nähert.

Spannend wird es, wenn man sie bergab führt: Das Gelände ist steil, die Wege schmal und Schafe sehr viel trittsicherer und flinker, als Menschen. Haben sie erst einmal überholt, neigen sie jedoch dazu, stehen zu bleiben und sich zu fragen, was los ist. Die nachfolgenden Schafe sehen sich ausgebremst und schubsen wie oben beschrieben. Ich bin mehrmals kurz davor, mitsamt den Schafen den Hang zum Stall hinabzukugeln …

Die ersten beiden Lämmer klaut uns leider der Fuchs aus dem Stall.
Das Dritte ist ein Schwarzes und ich finde es, als seine Mutter es noch kaum trockengeleckt hat. Fortan setze ich meinen Ehrgeiz darein, den Schafstall in einen Hochsicherheitstrakt zu verwandeln.
Wenn das Lamm uns erhalten bleibt, soll es – wenn es nach mir geht – Callas heißen, denn es hat eine kräftige Stimme, von der es reichlich Gebrauch macht.
Zunächst hatte ich auf einen „Caruso“ getippt, weil ich die Nabelschnur mit einem Penis verwechselt hatte … das Landleben ist komplizierter, als man denkt!

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Mittlerweile gibt es zwei schwarze Lämmer und ich gebe mit großem Vergnügen das „Baby – Shuttle“: Die Mutterschafe brauchen ewig um mit ihren Kindern von A nach B zu kommen. Manchmal verlieren die Lämmer auch den Anschluss und stehen kläglich schreiend in der Weltgeschichte herum. Dann klemme ich mir eines unter jeden Arm, trabe Richtung Weide oder Stall und verkneife mir ein vergnügtes „Mäh!“.

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Die Ziegen übernachten draußen und werden nur täglich durchgezählt. Dabei quirlen sie zwar genauso durcheinander, wie die Schafe, sie sind aber sehr viel leichter voneinander zu unterscheiden. Wenn man ihnen ein paar Mal Futter gebracht hat, erkennen sie einen am Ruf und kommen im Galopp und unter lautem Gemecker angerannt.
Ärger noch als die Schafe klettern die Ziegen an einem hoch wenn sie gefüttert werden wollen. Sie klauen einem die Taschentücher aus der Hosentasche und verschmähen auch Schnürsenkel nicht. Bei all dem sind sie außerordentlich charmant …

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Oskar bleibt auch hier vorsichtshalber hinter dem Zaun und gibt sich äußerst gelassen, obwohl er die Futterpräferenzen der Ziegen durchaus teilt.

Mein Hund hegt eine ausgeprägte Vorliebe für rohen Kohl!
In den Gärten steuert er die entsprechenden Beete ganz gezielt an: 1. Romanesco, 2. Broccoli, 3. Pak Choi und schlingt hinunter, was er kann.
Es sei ihm gegönnt, obwohl man Kohl nur in Maßen füttern soll. Weil er nämlich bläht. Was ich leidvoll bestätigen kann …
Nach seinen Kohlgelagen sondert Oskar Gase ab, die mich über die Vorteile der Zwingerhaltung nachdenken lassen …

 

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Feuertage

Wenn das Winterwetter es zulässt, werden die Kastaniengrundstücke gepflegt:

Die Bäume werden zurückgeschnitten, der Farn gemäht und die Kastanienschalen zusammengerecht.
Die Aussicht, Äste, Farn und Schalen zu verbrennen, ist kommt meinem Spieltrieb natürlich entgegen, habe ich doch schon als Kind gerne Feuerchen gemacht!

Feuchte Kastanienschalen zu großen Haufen zusammenzurechen und auf diese dann den Kastanienrückschnitt zu schichten, ist allerdings mal wieder anstrengender als gedacht. Vor allem dann, wenn die Äste mehr als doppelt so groß wie ich und dementsprechend schwer sind. Bernd, auf dessen Hof ich hier meine Zeit verbringe, ist seinerseits zu beschäftigt um zu bemerken, dass ich manchmal um ein Haar mitsamt den Ästen auf die Feuerstelle plumpse. Oder jedenfalls zu rücksichtsvoll, um laut zu lachen …

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Auch das Anzünden erweist sich als sehr viel schwieriger, als vermutet …
Bekanntlich kann eine einzige weggeworfene Zigarettenkippe ganze Wälder in Brand setzen – in den Kastanienrückschnitt könnte man sie getrost mitsamt ihrer brennenden Packung werfen, da tut sich nix.
Bei meinem ersten Versuch verbrenne ich wenig mehr als die morsche Gemüsekiste, die als Anzünder dienen sollte.

Ich arbeite zum ersten Mal mit einem Freischneider, einer motorbetriebenen Sense.
Man schnallt sich eine Art Geschirr um, in das der Freischneider eingehängt wird, so dass man ihn vor sich hin und her schwingen kann, trägt Helm, Gesichts- und Gehörschutz und selbstverständlich dicke Handschuhe. So angetan komme ich mir schon ungeheuer professionell vor, bevor ich einen einzigen Halm gemäht habe. Dass ich den Motor nicht ankriege (auf einen Knopf drücken kann ich, aber das beherzte Ziehen an der Strippe führt nicht zum erhofften Ergebnis), tut dem kaum einen Abbruch.

Ich stapfe auf und ab, mähe, was das Zeug hält und bin sehr stolz auf mich. Bis ich beim Zusammenrechen merke, dass auch das Freischneiden gelernt sein will: Bei mir ist noch reichlich Farn stehen geblieben.
Rechen immerhin kann ich gut, also tue ich das und bewege gefühlte 20 Tonnen Farn und Kastanienschalen durch das steile Gelände.

„Mein“ nächstes Feuer bereite ich generalstabsmäßig vor. Liebevoll und sehr durchdacht schichte ich Farn, Schalen und kleine Zweige zwischen die Äste – der Stapel ist deutlich höher, als ich groß bin.
Und es funktioniert!
Besser als gedacht allerdings: Verblüfft weiche ich vor einer meterhohen Flammenwand zurück.
Als das beeindruckende Phänomen zu ende ist, sind Farn und Schalen verschwunden – die Äste, die ich hätte verbrennen wollen, liegen noch da …

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Die erhoffte Lagerfeuerromantik will sich auch dann nicht einstellen als es mir gelingt, die Äste in Brand zu setzen.
Man lässt sich an diesem Punkt nicht etwa nieder und genießt den Anblick, sondern hat gut damit zu tun, die meist meterlangen Äste immer wieder in die Flammen zu schieben, damit sie tatsächlich ganz verbrennen. Wenn man nicht gerade weitere meterlange Äste heranschleppt. Oder rasch noch ein paar Kastanienschalen herbeirecht. Die meiste Zeit ist man dabei sehr viel näher am Feuer, als einem lieb ist.

Als bei einer solchen Gelegenheit der Wind unverhofft dreht, sengt es mir nicht nur die Härchen auf dem Unterarm, sondern auch das Ende meines Zopfes ab …

„Feuertage“ sind solche, an denen es trocken und wenig windig ist. Idealerweise regnet es am Abend, da nach Einbruch der Dunkelheit keine Feuer mehr brennen dürfen.
Mit den letzten Feuern sind wir noch beschäftigt, als schon wieder der erste Farn seine Köpfchen aus dem Boden streckt.

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Fotos: Bernd Ackermann

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Stress beim Hund

Stress erleben wir, wenn wir in Situationen geraten, die wir nicht bewältigen können, oder von denen wir das zumindest annehmen.
Diese Situationen können ganz unterschiedlich sein: Zeitdruck oder zwischenmenschliche Konflikte empfinden die meisten Menschen als belastend. Prüfungsängste und  Lampenfieber plagen dagegen nicht jeden. Und bei der Fahrt in einem Aufzug haben nur wenige Menschen Stress.

Die Symptome sind trotzdem immer dieselben: Der Körper ist in Alarmbereitschaft.
Die Muskeln spannen sich an, die Haut kribbelt, der Blutdruck steigt. Manchen bricht der Schweiß aus, andere leiden unter Übelkeit oder bekommen Durchfall.

Hält diese Situation nur kurze Zeit an und gelingt es uns womöglich, sie zu bewältigen, lässt der Stress wieder nach. In diesen Fällen war er uns sogar von Nutzen: Unser Körper hat alle Reserven mobilisiert, um uns eine schwierige Lage meistern zu lassen und es hat funktioniert!

Dauert die belastende Situation jedoch an und gelingt es uns nicht, sie zu bewältigen, beginnen wir, unter Stress zu leiden. Und auf Dauer werden wir krank.
Magengeschwüre, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Depressionen … die Liste der Erkrankungen, die sich auf Stress zurückführen lassen wird immer länger.

Stress macht uns krank

Das Gehirn unserer Hunde ist genau so aufgebaut, wie das unsere, die Körperchemie ist dieselbe. Sie leiden genau wie wir und sie werden ebenso krank (bei Hunden sind es weniger Magengeschwüre und Herzinfarkte, als Hauterkrankungen, Allergien und Verhaltensauffälligkeiten. Depressiv werden können sie ebenso wie wir.)

Uns unterscheidet lediglich, dass Hunde nicht mit Worten sagen können, dass und wie gestresst sie sind. Und: Dass sie ihr Leben nur mit unserer Hilfe ändern können.

Menschen können sich Hilfe suchen und zum Beispiel Entspannungsübungen erlernen, oder eine Therapie machen. Menschen können auch beschließen, stressige Situationen einfach zu meiden. Unsere Hunde können all das nicht. Sie sind darauf angewiesen, dass wir ihre Schwierigkeiten erkennen und ihnen Hilfestellung bieten.

Woran erkenne ich Stress bei meinem Hund?

Meideverhalten ist ein ganz klarer Hinweis darauf, dass meinem Hund eine Situation „unangenehm“ bis „nicht geheuer“ ist: Er wendet den Blick von dem Gegenstand seiner Beunruhigung ab, versucht, diesen weiträumig zu „umfahren“, und wenn er direkt darauf zugehen soll, stemmt er die Pfoten in den Boden und „bockt“.

Zeigt mein Hund dieses Verhalten zum Beispiel jedes Mal, wenn er ins Auto einsteigen soll, darf ich davon ausgehen, dass der Aufenthalt im Auto ihm unangenehm ist.
Gelingt es mir, ihn mit Leckerchen oder ggf. mit sanfter Gewalt ins Auto zu bugsieren, scheint das Problem aus Menschensicht häufig gelöst.
Die „Hundesicht“ dagegen kann ich an meinem Hund ablesen.

Die ersten Anzeichen von Stress und Unwohlsein sind unspektakulär und leicht zu übersehen:

Der Hund

  • „züngelt“, leckt sich also ganz kurz über Oberlippe und Nase. Das geschieht in einem Sekundenbruchteil und ist kaum zu sehen.
  • hechelt obwohl es gar nicht warm ist.
  • gähnt obwohl er offensichtlich nicht müde ist.
  • sabbert – zeigt vermehrten Speichelfluss.
  • zeigt eine sogenannte Stressmimik – die Ohren sind zurückgelegt, die Mundwinkel nach hinten gezogen, die ganze Mimik „weicht zurück“. Manche Hunde sehen dann aus, als hätten sie Ringe unter den Augen.
  • schwitzt unter den Pfoten (sehr gut zu sehen an den „Schweißtappsern“ auf dem Behandlungstisch beim Tierarzt).

Deutlichere Symptome sind

  • Zittern,
  • ein gerundeter Rücken,
  • eine eingeklemmte Rute,
  • aufgerissene Augen,
  • Ablehnen von Futter,
  • Erbrechen,
  • Durchfall.

Was tun bei Stress?

Seinem Hund jeglichen Stress zu ersparen, ist weder möglich, noch sinnvoll – Stress gehört zum Leben und ist, wie bereits erwähnt, durchaus nicht immer schädlich. Er sollte jedoch zu bewältigen sein.

Eine gute, sorgsam aufgebaute Sozialisierung auf Umweltreize sorgt schon im Welpenalter für eine gewisse Stressresistenz (http://freischnauze.meinestrolche.de/bei-mir-bist-du-sicher-welpen-richtig-sozialisieren/).

Bei der Bewältigung stressiger Situationen, die sich nicht vermeiden lassen, hilft eine vertrauensvolle Beziehung zum eigenen Menschen sowie ein kleinschrittiges Heranführen an die belastende Situation. Hier kann zum Beispiel das Preydummy / Futterbeuteltraining ausgesprochen hilfreich sein.

Andere Stressoren können und dürfen ruhig vermieden werden!

Ein Hund, der im Training regelmäßig Stresssymptome zeigt, hat keinen Spaß an seinem Tun und wird auch nichts lernen – mit zunehmendem Stress sinkt nachweislich der Lernerfolg.

Auch ein Hund, der beim Hundespaziergang bzw. beim „Spiel“ auf der Hundewiese, gestresst ist, kann auf das Motto „ein Hund braucht Sozialkontakt!“ in dieser Form gut verzichten.

Und ein Hund, der sich unter der Zuwendung von Kindern oder überschwänglichen Hundefreunden (und sei sie noch so nett gemeint) nun einmal unwohl fühlt, sollte hiervor in Schutz genommen werden.

Eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Hund und Mensch entsteht aus vielen kleinen Bausteinen: Jede Situation, die mein Hund mit meiner Hilfe bewältigt, oder in der ich ihm aus der Bredouille helfe, ist einer davon!

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Herbst auf Durantis

Natürlich bin ich schon mit einem Täschchen über die Alleen gezogen und habe – wahlweise zum Essen oder zum Männchen basteln – Kastanien gesammelt.
Darüber, wie das unter professionellen Bedingungen geschieht, habe ich nie nachgedacht … Nun: Auch nicht wesentlich anders, nur in großem Stile.

Baeume

Unter kleinen, weniger ertragreichen Bäumen wird „frei“ gesammelt:
Mit einer Art Kängurubeutel um den Bauch bewegt man sich – einer Ente nicht unähnlich – in der Hocke hangaufwärts, fegt die pieksigen Schalen mit der Hand beiseite und schöpft die Kastanien in den Beutel. Das klingt einfacher, als es ist: Für den Umgang mit den Schalen empfehlen sich dicke Handschuhe, mit denen man allerdings nicht vernünftig nach den Kastanien greifen kann. Nach einigen teils ineffizienten, teils schmerzhaften Versuchen entscheide ich mich, mit der linken, behandschuhten Hand die Schalen, und mit der rechten, nackten die Kastanien zu „verräumen“.

Ist der Beutel gefüllt, darf man kurz das schöne Gefühl des aufrechten Ganges genießen –  nachdem man sich unter Ächzen und Stöhnen erhoben hat. Wie eine Hochschwangere wankt man zur nächsten Transportkiste, um dort des Beutels Inneres nach außen zu kehren – geschickterweise auch das hangaufwärts, da sonst die Kastanien gerne über die Kiste hinweg und zurück in die Freiheit springen.

Oskar beweist uns an dieser Stelle, dass Hunde tatsächlich durch Nachahmung lernen: Dem Beispiel der Menschen folgend, beginnt er eifrig zu buddeln.
Dass die hierbei freigelegten Früchte zu verräumen sind, begreift er ebenfalls rasch. Mangels eigenen Kängurubeutels sammelt er sie allerdings in seinem Magen. Wir verzichten darauf, diesen in eine Kiste auszuleeren …
Oskar fände es noch viel praktischer, stattdessen den Inhalt der Kisten in seinen Magen zu leeren. Nachdem diese Idee keine Anhänger findet, verlegt er sich darauf, die Kisten zu bewachen, auf das niemand sie (oder seine brilliante Idee) klauen möge.

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Und natürlich führt er die „Bauaufsicht“: Anstatt sich wie die Patous in den Farn einzubuddeln und dort Nickerchen zu machen, hat er stets seine Kastaniensammler im Auge und gibt acht, dass alle beisammen bleiben.
Nebenbei entwickelt er noch ganz eigene Sammeltechniken: Mit einiger Verblüffung beobachte ich, wie mein Hund die begehrten Kastanien ganz vorsichtig und spitzlippig gleich aus ihren wehrhaften Schalen frisst …

Die Alternative zum freien Sammeln sind Netze, die unter den Kastanien ausgelegt werden.

Schalen

Ist der Baum „fertig“, wird alles, was er abgeworfen hat, mit Hilfe der Netze zum Fuß des Hanges transportiert.

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Nun werden Schalen (dicke Handschuhe) und Blätter (nackte Hände) abgeschöpft und weggetragen, bis nur noch Kastanien im Netz verbleiben, die dann wieder in die Transportkisten geschüttet werden.

 Netz_schalen_Julian   Netz_Blaetter_raus

Was sich sehr viel schneller beschreibt, als es tatsächlich erledigt ist …

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So oder so ist das Sammeln harte Arbeit.
Ich bin mir lange unschlüssig, was schlimmer ist: Entengang mit Kängurubeutel oder im Netz hocken und am Ende Hilfe beim Aufstehen brauchen? Und was tut weher? Rücken oder Beine?

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Meine Fingerspitzen, die trotz der Handschuhe Ähnlichkeit mit Kakteen haben, lerne ich zu ignorieren: Wenn man erst einmal anfängt, die Stacheln herauszupulen, entdeckt man immer nur noch mehr davon …

Mit dem Wetter haben wir Glück: Meist ist es halbwegs trocken, manchmal sogar sonnig.
Und auch das Sammeln bei Regen erweist sich als angenehmer, als befürchtet: Regenjacke, -hose und (mein bestes Stück!) –hut, tun was sie sollen und ich bin auch nach Stunden noch trocken.
Darüber, wie es sich anfühlt, die diversen nassen und trockenen Kleiderschichten von sich runter und vor allem wieder draufzupellen, weil man zum Beispiel die lustige Idee hatte, zwischendurch mal austreten zu wollen, will ich indes lieber schweigen …

Trotzdem macht es Spaß.

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Ich lerne, dass es unzählige Kastaniensorten gibt, die vom Menschen je nach seinem Bedarf weiter vermehrt wurden. Dabei staune ich schon über die Erkenntnis, dass wir drei verschiedene Sorten (Figarette, Pellegrine und Dauphine nämlich) sammeln, die man – gaaanz genaues Hinsehen vorausgesetzt – sogar voneinander unterscheiden kann.

Wir sitzen gemeinsam im Netz oder watscheln in einer Reihe den Hang hoch und haben jede Menge Gelegenheit, Dönekes zu erzählen, die Pfeif- und Sangeskünste anderer Sammler zu begutachten, wilde Diskussionen zu führen und gelegentlich – wenn jemand gar zu frech wird – Kastanienzielwerfen zu üben.

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Gleichwohl bin ich oft dankbar für das „Köchinnen-Privileg“, mich vor den Mahlzeiten in die Küche absentieren zu dürfen um dort warm, trocken und in aufrechter Haltung, vergleichsweise luxuriös also, weiterzuarbeiten.

Auf Durantis wird gemeinsam gearbeitet und gemeinsam gegessen – ich koche also zwei mal täglich für fünf bis acht Leute, bemühe mich redlich, aus Resten vom Abendessen neue, leckere Mittagessen zu zaubern, improvisiere was das Zeug hält und habe einen Riesenspaß dabei.

Hierbei entsteht unter anderem das Rezept für Reisbällchen:

Reste von Risotto
Weißbrotwürfel
Pinienkerne
Paniermehl

Unter das Risotto so viele Weißbrotwürfel mischen, dass alle Flüssigkeit aufgesogen wird. Einen Moment ruhen lassen. Pinienkerne unterkneten.
Bällchen formen, panieren und in reichlich Öl ausbacken.
Lecker!

Die Arbeitskräfte auf Durantis sind Volontäre (http://www.ecolieu.durantis.eu/Ecovolontariat/ecovolontariat.html), Menschen, die gegen Kost und Logis für einige Wochen oder Monate dort leben und arbeiten. Alter, Hintergrund und Motivation dieser Menschen können ganz unterschiedlich sein – was manchmal anstrengend sein mag, aber immer auch spannend.

Diesmal sind die Volontäre nicht einmal halb so alt wie ich und müssen sich sicher oft langweilen, wenn sie großzügig mit „Altersweisheiten“ und alten Geschichten bedacht werden. Sie ertragen es mit Fassung – wenn man von gelegentlichen freundlichen Nachfragen wie der, ob Ray Bradbury (geboren 1920!) eigentlich unsere Generation sei, einmal absieht …

Meine anfängliche Skepsis, ob es denn überhaupt etwas für mich wäre, mit fremden Menschen doch recht eng zusammenzuleben, schwindet schnell: Das gemeinsame Tun verbindet, man kommt einander en passant näher. Und entdeckt die Stärken und Talente der anderen: Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass man tatsächlich zwei Chapatis gleichzeitig im Flug wenden kann?

Gut eine Woche später merke ich Beine und Rücken nicht mehr, habe Schwielen an den Händen und sammele unterdessen mit dünnen Handschuhen und beidhändig. Mittlerweile fülle ich eine 15-Kilogramm-Kiste in einer Stunde. Willkommen im Landarbeiter-Leben!

Oskar hat autodidaktisch seinen Traktorenbegleithund gemacht:
Sowie der Motor angeht, ist er zur Stelle, um den Bauern auf dessen Weg zu begleiten. Zu meiner Überraschung hält er sich fein hinter dem Traktor und gibt sich überhaupt höchst verständig. Hält der Traktor an, setzt er sich an den Rand des Weges und überwacht das weitere Geschehen.

Traktor

Seine Bemühungen, Victor, den Chef der Patous, bei dessen Arbeit zu unterstützen, bedürfen indes noch einigen Feinschliffes: Ähnlich wie Victors pubertierende Söhne bellt er zwar wacker mit, wenn dieser Gefahr meldet, weiß aber auch nicht besser als das junge Gemüse, was denn nun eigentlich zu tun wäre.

Mit großem Engagement hält er – zumindest vermeintlich und zum Befremden aller Patous – das Grautier des Grauens in Schach. Eselin Sidonie kennt er zwar schon, findet sie aber nicht auf ihrer gewohnten Weide, sondern für seinen Geschmack viel zu nah bei den ihm anvertrauten Kastaniensammlern vor. Sidonie ihrerseits zeigt Nerven und betrachtet den kläffenden Städter mit Gleichmut.

Die Vielzahl seiner höchst verantwortungsvollen Tätigkeiten verhilft meinem Hund – ganz ohne geistige Beschäftigung und lange Spaziergänge – zu einem gesegneten Nachtschlaf.
Mich streckt mein Landarbeiterleben ebenso zuverlässig nieder: Trotz kampferprobtem Nachteulentumes kippe ich regelmäßig kurz nach dem Abendessen in mein Bett.

Wenn man so will, ist dieser herbstliche Besuch auf Durantis ein wenig „entzaubert“: Ich bin etwas weniger alte Freundin „auf Besuch“ und etwas mehr Arbeitskraft.
Mein (nachts bevorzugter) Weg durchs Schlafzimmerfenster, über die Wiese zum Trockenklo lässt mich bei Starkregen viel weniger für ländliche Rustikalität schwärmen, als das in lauen Sommernächten der Fall war.
Die Wertschätzung alltäglicher Dinge wie zum Beispiel heißer Duschen dagegen steigt merklich, wenn man vorher einen halben Tag lang den Holzofen beschickt hat.
Wenn der große Küchenofen eingeheizt wird, kann man darauf kochen, was spannend ist. Wird aber, bei knapp 30 Grad in der Küche, selber gleich mitgekocht.
Bei Gewitter fällt regelmäßig der Strom aus.
Komfort: Fehlanzeige.

Oder könnte entzaubert sein …
Wenn aber der Nebel aufreißt, oder sich einfach mal ein paar Sonnenstrahlen durch den Regen stehlen, scheint das Tal zu glühen. Der silbrige Schiefer, aus dem der Hof gebaut ist, strahlt dann ganz frisch gewaschen in der Sonne, und von besagtem Trockenklo aus sieht man bis zum Mont Aigoual.
Nass und verfroren vom Sammeln kommend, scheinen 30 Grad eine vollkommen angemessene Raumtemperatur zu sein: Wenn man sich direkt vor den sengend heißen Ofen stellt, hat man erst so richtig was davon! Und kann gleichzeitig in die Kochtöpfe spingsen …
Sind diese geleert (obwohl ich als Köchin durchaus meinen Ehrgeiz darein gesetzt habe, genau das zu verhindern: Wenn alles aufgegessen wurde, ist womöglich noch jemand hungrig …), breitet sich endgültig eine wohlige Zufriedenheit aus, die weit über körperliche Erschöpfung und einen vollen Bauch hinausgeht. Für mich ist es das Gefühl, wenn auch nur für kurze Zeit, Teil von etwas Schönem und Bewahrenswertem zu sein.

Eine ganz eigene Art von Zauber, die mich ein weiteres Mal gefangen nimmt.

Kastanien_1

Fotos: Bernd Ackermann

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Ollie taut auf

Nach einigen Wochen bei uns ist Ollie „angekommen“, was uns zunächst nicht nur Freude macht:
Er beisst.

Aus seiner Sicht hat er durchaus gute Gründe dafür: Fühlt er sich bedrängt und findet keinen Ausweg, tritt er die Flucht nach vorne an. Man kann ihm nicht einmal vorwerfen, dass er seine Attacken nicht „ankündigen“ würde: Die Handlungssequenz Knurren – Fletschen – Zubeißen ist bei ihm allerdings in Sekundenbruchteilen abgespult …

Ihn hierfür zu bestrafen, würde ihm seine Situation nur noch auswegloser erscheinen lassen: Er hält Menschen ja jetzt schon für sehr viel bedrohlicher, als sie tatsächlich sind.

Wir üben uns also darin, ihm mit Ruhe und Geduld aus der Bedrängnis zu helfen.
Zur Unterstützung trägt er eine Hausleine: Ca. 1 m glatte Schnur, die mit einem Karabiner am Halsband befestigt wird. Hat er sich wieder einmal in eine vermeintliche Ecke manövriert, nehmen wir ganz gelassen das Ende der Leine und führen ihn hinaus.

Im nächsten Schritt wird er lernen, sich auch ohne die Leine aus der Bredouille führen zu lassen. Und langfristig hoffentlich, dass man Menschen vertrauen kann, selbst wenn es einmal eng wird.

Das konsequente Leinenführtraining an entspannter Leine war zwar zeitaufwendig und hat meine Geduld durchaus auf die Probe gestellt, trägt jetzt aber Früchte:
Nicht nur, dass Ollie sich mittlerweile auch in fremder Umgebung sehr schön an mir orientiert. In meinem „Fahrwasser“ kommt er auch ohne Krawall an anderen Hunden, Pferden, Radfahrern und Joggern vorbei.

Hierbei spielt natürlich auch das Mantrailing eine Rolle:
Der kleine Kerl sucht für sein Leben gern!
Wenn er auf einer „Mission“ unterwegs ist, wächst er über sich selbst hinaus.
Vergisst all seine Ängste und arbeitet sich so zum Beispiel ganz wacker auf den Leichlinger Marktplatz vor. Auf dem Rückweg trage ich ihn wieder einmal: Er ist offensichtlich erschüttert von der eigenen Courage. Aber jede dieser Unternehmungen lässt ihn selbstbewusster werden.

Und es sind im ersten Schritt die Trails, die ihm zu der Erfahrung verhelfen, er könne durchaus etwas Wichtigeres zu tun haben, als senkrecht in der Leine zu stehen und andere Hunde anzupöbeln.

Seit Mitte Oktober ist Ollie wieder bei seinem Frauchen.
Und natürlich freuen wir uns, dass „Frau Ollie“ wieder auf den Beinen ist!

Aber wir werden den kleinen Kerl auch ganz schön vermissen!

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Ein spezieller Hund

Kürzlich bin ich über die Bezeichnung „verhaltensoriginell“ gestolpert, die mir grundsätzlich gut gefällt – klingt sie doch sehr viel liebevoller als „verhaltensauffällig“.
Allerdings denke ich bei „originell“ immer auch an „erfreulich“, „heiter“ und davon ist das Verhalten unseres Pflegis Ollie leider weit entfernt.

Als ich Ollie vor einiger Zeit kennen lerne, sehe ich zunächst einen Hund, der ohne Grund anhaltend kläfft, aggressiv gegen andere Hunde ist, Menschen beißt, und wie ein Verrückter an der Leine zieht.

Wenn Menschen einen Hund als verhaltensgestört bezeichnen, meinen sie in aller Regel, einen, dessen Verhalten sie stört.
Wissenschaftlich – soweit ich das als Nichtwissenschaftlerin korrekt erklären kann – bezeichnet man als gestört unter anderem solches Verhalten, das der Situation nicht entspricht, weder angemessen noch hilfreich ist und häufig zwanghaft gezeigt wird.

Ein Hund zum Beispiel, der Angst vor Gewitter hat, dabei aber keine Symptome wie Hecheln, Bellen oder Zittern zeigt, nicht versucht wegzulaufen und sich auch nicht versteckt, sondern sich im Kreis dreht bis er umfällt, zeigt ein Verhalten,

  • das nicht zur Situation passt: Angst äußert sich normalerweise nicht durch „im Kreis drehen“.
  • das nicht hilfreich ist: Das Drehen löst sein Problem nicht. Hecheln und Zittern helfen zwar auch nicht, sind aber in einer Angstsituation angemessen. Sinnvoll könnte sein, zu seinem Menschen ins Bett zu kriechen.
  • das zwanghaft ist, sofern er nichts anderes tun bzw. nicht damit aufhören kann.

Schon bei unserer ersten Begegnung fällt mir auf, dass Ollie sich im Kreis dreht wenn er aufgeregt ist. Oder aber an ungeeigneten Orten (Sofalehne) zu buddeln versucht. Da er jedoch aufhört wenn man sein Verhalten ignoriert, mache ich mir zunächst keine Gedanken. Das Drehen lässt sich kanalisieren indem man ihm einen Gegenstand zuwirft, den er Schütteln und in die Luft werfen kann: Wenn er „Dampf abgelassen hat“, beruhigt er sich wieder.

Als Stereotypien bezeichnet man wiederholte Handlungen bzw. Bewegungen, die ebenfalls den oben genannten Kriterien entsprechen.

Hierzu gehören

  • das Wiegen des Oberkörpers beim Menschen,
  • das „Koppen“ oder „Weben“ beim Pferd und
  • das zwanghafte Lecken beim Hund (Akrale Leckdermatitis (ALD)).

Verhaltensweisen wie das Wiegen werden durchaus als hilfreich (beruhigend) empfunden, die meisten Menschen kennen das. Vielleicht – aber das ist jetzt endgültig eine ganz unwissenschaftliche Privatvermutung – neigen Bewegungsstereotypien deswegen dazu, sich zu verselbständigen. Sie werden häufig auch ohne den ursprünglichen Anlass gezeigt.

Bei Ollie habe ich bald den Eindruck, dass er dazu neigt, Übersprunghandlungen stereotyp zu zeigen.

Übersprunghandlungen kann man dann beobachten, wenn jemand zwischen zwei Handlungsmöglichkeiten hin- und hergerissen ist und dann stattdessen etwas ganz anderes tut, das gar nicht in die Situation passt: Menschen kratzen sich dann gern im Nacken oder zwirbeln ihre Haare.

Ollie scharrt und frisst Gras.

Da er mit unbekannter Vorgeschichte aus dem Tierschutz kommt, werden wir den Grund für sein Verhalten wohl nie herausfinden. Wie problematisch seine „kleinen Marotten“ sind, wird uns erst viel später klar …

Zunächst befassen wir uns sowieso mit dem Naheliegenden:
Er sollte sein Frauchen nicht beißen

An vermeintliche „Übergriffe“ wie das Anlegen des Geschirres gewöhnt er sich recht schnell – wenn man das mit Ruhe angeht und ihn nicht bedrängt, klappt es wunderbar.

Von seinen Pfoten lassen wir im wahrsten Sinne des Wortes die Finger – bis auf weiteres kann er sich die auf einem Handtuch trockenlaufen.

Für das Abnehmen von Futter empfehle ich Tauschgeschäfte.
Als beim Training mein Fuß einmal frecherweise auf dem Futterbeutel steht, den Ollie haben will, bin ich sehr erleichtert, dass er a. kein Rottweiler ist und ich b. feste Schuhe anhabe. In diesem Moment beißt er mit aller Kraft zu.
Ich beginne allmählich, Frauchens mangelnde Begeisterung für besagte Tauschgeschäfte zu verstehen …

Verlässt sie nachts ihr Bett, steht er anschließend knurrend und fletschend darin und lässt sie nicht mehr hinein.

Sperrt man ihn aus, randaliert er, an eine Box müssen wir ihn erst noch gewöhnen und selbst mit einer Hausleine müsste Frauchen näher an ihn heran, als ihr verständlicherweise lieb ist.

Erster Trainingsschwerpunkt ist also „Überleben im Alltag“:
Ein Mensch, der sich „durchsetzt“, „dominant“ ist, oder das zumindest zu müssen meint, ist das Letzte, was Ollie brauchen kann. Er „schreit“ zwar nach Grenzen (im Sinne von Führung, Sicherheit) reagiert aber gleichwohl mimosenhaft, wenn sie ihm denn geboten werden. Im ersten Wurf geht es daher um Kompromisse, die ein halbwegs friedliches Zusammenleben ermöglichen.

In unserer Obhut scheint Ollie sich zunächst sehr gut zu machen, er wird ruhiger und entspannt sich zusehends.
Leider offenbart sich jetzt, dass unter all dem aggressiven, krakeeligen Gebaren eine ganz kleine, völlig verängstigte Seele steckt.

Zum Beispiel zieht Ollie nicht deswegen so vehement an der Leine, weil er dringend vorwärtskommen will, sondern weil er auf der Flucht ist! Da er nicht vom Gegenstand seiner Angst weg- sondern einfach nur rennen will, und das außerdem fast ausnahmslos der Fall ist, ist man leicht geneigt, diesen Zustand bei ihm für normal zu halten.

Wir probieren daher etwas aus, mit dem ich schon häufiger gute Erfahrungen gemacht habe: Wir stellen die Uhr zurück. Und Ollie wird genau so durch aufregende Situationen getragen, wie wir das auch bei einem Welpen tun würden.
An dieser Stelle freuen wir uns ein weiteres Mal, dass er kein Rottweiler ist!

„Damit bestätigt Ihr doch nur seine Angst!“
Eben nicht.
Die Angst hat er so oder so. Ich kann sie entweder ignorieren und ihn damit alleine lassen (und ihn mit der Leine auch noch am Weglaufen hindern), oder ich kann ihm zeigen, dass ich sein Problem bemerkt habe und ihm helfe, es zu lösen.

Stark befahrene Straßen ängstigen Ollie sehr.
Auf meinem Arm kann er den Verkehr nicht nur ertragen, er beginnt auch, die Autos zu beobachten. Schon wenige Versuche später gelingt es ihm, an der Straße einige Meter mit mir mitzulaufen. Er hat begriffen, dass ich ihn unverzüglich retten werde falls das nötig sein sollte und findet so den Mut, mir zu folgen.

Wie Ollie und sein Mut sich weiter entwickeln, erfahrt Ihr in den nächsten Newslettern!

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